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Merken   Drucken   18.06.2009, 15:03 Schriftgröße: AAA

Exiliraner in Deutschland: Aufstand der Assimilierungsweltmeister

Unauffällig bleiben: Das ist für viele Iraner im Ausland oberste Maxime. Ideologisch ist die Gruppe sehr uneinheitlich - von Kommunisten bis zu Schah-Fans. Die Abneigung gegen Ahmadinedschad vereint sie auch in Deutschland im gemeinsamen Protest. Ein FTD.de-Ortstermin in Berlin. von David Böcking (Berlin)
Wie eine typische Demonstrantin sieht Azar Azarniusch nicht aus. Sie trägt eine schicke Bluse, modische Sonnenbrille und ist akkurat geschminkt, am Arm baumelt eine Handtasche. Doch die 50-Jährige sagt etwas, das wohl viele der rund 400 Menschen vor dem Auswärtigen Amt unterschreiben könnten: "Ich bin eigentlich nicht sehr politisch, ich gehöre zu keiner Gruppe." Doch jetzt, wo in Teheran Hunderttausende mit Massendemonstrationen dem Regime trotzen, hält es auch Exiliraner wie Azarniusch nicht mehr zu Hause. "Wir können gar nicht anders", sagt sie.
So wie am Mittwoch in Berlin protestieren seit Tagen in ganz Deutschland Iraner ihre Solidarität mit der Opposition im Heimatland. Dabei kommen Menschen zusammen, die sonst wenig miteinander zu tun haben: Exiliraner sind eine heterogene Gruppe, ihr Spektrum reicht von Mitgliedern mehrerer kommunistischer Parteien bis zu Monarchisten. Außerdem sind sie in den Worten der iranischstämmigen Schauspielerin Jasmin Tabatabai "Assimilierungsweltmeister": Meist gut integriert, mit einer hohen Akademikerquote und dem Ehrgeiz, nicht aufzufallen.
Simple Fragen statt politischer Parolen: Iranische Studenten ...   Simple Fragen statt politischer Parolen: Iranische Studenten protestieren vor dem Auswärtigen Amt
Auch die Demonstration vor dem Auswärtigen Amt läuft sehr ruhig ab. Zwischen persischer Musik und Grußworten verschiedener Gruppen trägt ein junger Mann ein Gedicht vor. "Für meinen Vater", sagt er, "der vor zehn Jahren von Beamten des iranischen Informationsministeriums entführt und ermordet wurde." Die Botschaften auf den meisten Plakaten sind schlicht: "Meinungsfreiheit", "Demokratie und Menschenrechte für Iran jetzt" oder "Where is my Vote?" steht darauf.
Nur Poster, die Solidarität mit den "kämpfenden Arbeitern im Iran" fordern, lassen den ideologischen Hintergrund mancher Demonstranten ahnen. Doch immer wieder betonen die Veranstalter, dass ihre Demonstrationen "politisch neutral" seien. "Jeder ist willkommen", ruft ein Mann mit Kinnbart zu einer europaweit geplanten Großdemonstration am Sonntag auf.
Bilderserie Bilderserie: Der Massenprotest im Iran wird blutig
Neuwahlen, eine Ende der Repressionen und Verfassungsänderungen, um die Macht der Kleriker zu beschneiden: Auf diese Positionen könnten sich die meisten Exiliranern einigen, sagte der iranischstämmige Publizist Bahman Nirumand im Gespräch mit FTD.de. Die Frage, wie es dann im Iran weitergehen könnte, werde bewusst vermieden "Wenn man beginnt darüber zu reden, geht diese Einheit flöten."
"Eine E-Mail wird über Hunderttausende SMS verbreitet"
Denn nicht allen Demonstranten würde ein Wahlsieg Mussawis ausreichen. Der Mediziner Massoud Khajali etwa weist darauf hin, dass in der Zeit des Reformkandidaten geschätzte 30.000 Oppositionelle bei einem Massaker starben. Von den Machthabern in Teheran redet Khajali nur als "Bande". Vor seiner Flucht nach Deutschland habe er selbst ein Jahr in Isolationshaft gesessen, erzählt der 45-Jährige. Heute versorgt er die oft jungen Oppositionellen im Iran mit Informationen und Argumentationshilfen. "Wenn Du eine E-Mail in den Iran kriegst, wird sie über Hunderttausende von SMS verbreitet", sagt er lächelnd.
Neben Khajali steht Ahmad Achyani und hört ruhig zu. Der 52-jährige gehört zu den Volksmudschaheddin. Die militante Oppositionsgruppe zählt zu den aktivsten, aber auch umstrittensten exiliranischen Organisationen. In Deutschland wird sie vom Verfassungsschutz beobachtet, ihre Mitglieder pflegen einen Führerkult um Mariam Radschawi, die sie zur Präsidentin aller Exiliraner erklärten. Viele Oppositionelle aber wollen von den Mudschaheddin nichts wissen - unter anderem, weil sie einst Saddam Hussein im Kampf gegen den Iran unterstützten. "Sie sind völlig isoliert", sagt Bahman Nirumand.
Auch vor dem Auswärtigen Amt hatten die Mudschaheddin zunächst alleine, auf einer gegenüberliegenden Straßenseite demonstriert. Dann aber packten sie ihre Transparente und schlossen sich den übrigen Demonstranten an. Vorläufig scheint die Abneigung gegen Ahmadinedschad wirklich alle Gruppen zu vereinen.
  • FTD.de, 18.06.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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