Bernd Gäbler, ehemaliger Leiter des renommierten Grimme-Instituts, sagte FTD-Online, Fischer habe sich insgesamt "ziemlich gut" geschlagen. Die stundenlange Befragung durch den Ausschuss bedeute für ihn aber auch eine "kleine Entzauberung": "Er wird auf das menschliche Maß eines Behördenchefs herabgestuft."
Der Medien-Experte Jo Goebel bescheinigte Fischer bei seinem vom Fernsehen übertragenen Auftritt im Ausschuss ebenfalls "große Souveränität". Der Grünen-Politiker habe eine "gelungene Mischung aus Selbstbewusstsein, Lust zum Gegenangriff und Verantwortungsbereitschaft" gezeigt.
Körpersprache zeugte von enormer Anspannung"
"Fischer ist ein Weltmeister im Druckaushalten und –abgeben", sagte der Psychotherapeut und Manager-Coach, Ulrich Sollmann, im Interview mit ftd.de Der Außenminister habe bei der Befragung mehr von sich gezeigt als sonst üblich. "Seine Körpersprache im Untersuchungsausschuss spiegelte enorme Anspannung", beobachtete der Experte, der die Körpersprache von Politikern analysiert und Unternehmensvorstände vor Medienauftritten berät.
Vor der Befragung wirkte Fischer unsicher: Er lächelte, schauter umher, als suche er Menschen, die ihm wohl gesonnen sind. Er drippelte mit den Fingern, auch sein schneller Lidschlag zeugte von Nervosität. "Das wirkte menschlich", so Sollmann, "und brachte Symphatiepunkte."
Fischers Dilemma
Die Fachleute sahen aber auch ein Dilemma für Fischer: "Er ist immer besonders gut, wenn er unter massivem Druck steht", sagte Gäbler. Als Zeuge vor dem Untersuchungsausschuss müsse er sich jedoch zu für den Zuschauer ermüdenden Details der Visa-Vergabe äußern. "Da kommt er nicht in seiner Paraderolle als alter Raufbold und großer Weltverbesserer rüber. Eigentlich ist das eine Nummer zu klein für ihn", so Gäbler. Auch Goebel sah darin eine Schwäche für Fischer: "Er bewegt sich hier auf unbekanntem Terrain und in einer ungewohnten Rolle."
"Fischer wirkte genervter, je länger die Befragung dauerte", sagte Sollmann. Bei der Einleitung des Vorsitzenden habe der Minister noch gelächelt – getreu dem Motto: "Nun leg’ doch mal endlich los." Als Zeichen für Souveränität wertete der Körpertherapeut Fischers sprachliche Bilder und seinen selbstironischen Humor im Verlauf der Befragung. Er sei sicherer geworden und habe erfolgreich signalisiert: "Ihr bekommt mich nicht klein."
Fernsehübertragung positiv
Die Live-Übertragungen der Zeugenvernehmungen von Fischer und zuvor seines ehemaligen Staatsministers Ludger Volmer bewerteten die Medien-Experten insgesamt als positiv. Die Wähler bekämen damit die Möglichkeit, sich selber ein Bild zu machen, unabhängig von den Interpretationen durch die Parteienvertreter im Ausschuss. "Die Wahrheit komme dadurch allerdings auch nicht ungeschminkt ans Licht", meinte Gäbler. Unbegründet sei aber die Skepsis gewesen, dass durch die Fernsehübertragung die Arbeit im Untersuchungsausschuss zur reinen Show verkomme.
Nach Ansicht von Goebel zwingt die Fernsehübertragung die Beteiligten im Ausschuss, mehr zuzuspitzen und stärker zu polarisieren. "Entscheidend wird die Frage: Wer kommt besser rüber?" Das bevorteile diejenigen, die die politische Rhetorik besser beherrschten. Beide Experten gehen davon aus, dass es künftig generell solche Live-Übertragungen aus parlamentarischen Untersuchungsausschüssen geben wird. "Die Türe bekommt man nicht mehr zu." Gäbler geht davon aus, dass dies auch Auswirkungen auf die Justiz haben wird. "In einigen Jahren werden wir auch in Deutschland ein Gerichts-TV haben."