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Merken   Drucken   27.02.2011, 22:54 Schriftgröße: AAA

Falsche Zahlen: Ökonomen blamieren sich mit Arbeit zum Euro-Rettungsfonds

Exklusiv Es waren 190 deutsche Professoren, die sich vor einigen Tagen gegen eine Ausweitung des Euro-Rettungsfonds stellten. Nach FTD-Recherchen arbeiteten sie mit falschen Zahlen. von André Kühnlenz  , Mathias Ohanian, Berlin und Wolfgang Proissl  Frankfurt
190 deutsche Professoren, die sich vergangene Woche gegen eine Ausweitung des Euro-Rettungsfonds gestellt haben, sind nach Recherchen der Financial Times Deutschland mehreren Fehlern aufgesessen. Kurioserweise ergeben neuste Schätzungen von Mitinitiator Hans-Werner Sinn, Chef des Ifo-Instituts, dass die Kapazitäten des Rettungsschirms den gesamten Finanzierungsbedarf Irlands, Portugals und Spaniens bis 2013 gerade einmal um zwölf Prozent übersteigen.
Die Professoren schreiben dagegen, dass das ",AAA‘-fähige Volumen des Rettungsschirms" den gesamten Refinanzierungsbedarf dieser Länder bis 2013 um fast 80 Prozent übersteige. Bei internationalen Experten stößt der Vorstoß zudem inhaltlich auf heftige Kritik.
Rund 300 deutsche Wirtschaftswissenschaftler haben sich dem vom Hamburger Professor Bernd Lucke ins Leben gerufene "Plenum der Ökonomen" angeschlossen. Die jetzt vorgelegte Stellungnahme zur Euro-Krise ist ihre erste Veröffentlichung.
Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Institut   Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Institut
Die FTD-Recherchen entkräften ein zentrales Argument dieser Volkswirte weitgehend. Bisher war es Konsens, dass die drei Rettungstöpfe, der Euro-Staaten, der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF), nur knapp ausreichen, den gesamten Finanzbedarf der drei Länder bis 2013 zu decken. Dies hatte nach der Irland-Rettung im November dazu geführt, dass Investoren sich darum sorgten, ob der Rettungsschirm auch Hilfen an Spanien verkraften würde.
Ein Vergleich mit den Berechnungen von Ifo-Chef Sinn ergibt, dass die deutschen Professoren nicht den gesamten Finanzbedarf bis 2013 berücksichtigen - sie blicken nur auf die Kapitalmarktschulden von 310 Mrd. Euro, welche die drei Länder bis 2013 zurückzahlen müssen. Außer Acht lassen die Ökonomen, dass die Regierungen bis dahin jährliche Defizite ausweisen. Sinn selber veranschlagt eigentlich, dass der Staat in Spanien, Irland und Portugal neue Schulden von jährlich drei Prozent der Wirtschaftsleistung bis 2013 aufnimmt - 124 Mrd. Euro für alle Länder. Somit kommt der Ifo-Chef auf einen Finanzbedarf von 434 Mrd. Euro.
Die Plenum-Zahlen beruhen auch auf Berechnungen von Mitunterzeichner Sinn, die er Anfang Februar auf der Internetseite der Vereinigung präsentiert hatte, wie Initiator Lucke der FTD bestätigte. Allerdings revidierte Sinn mittlerweile seine Schätzung in einer Kolumne auf der Ökonomenplattform Voxeu.org. Dort beziffert er die Kapazität des gesamten Rettungsschirms von EU, Euro-Staaten und IWF auf 484 Mrd. Euro - statt der 552 Mrd. Euro, auf denen der Aufruf basiert. Mitte Februar schrieb Sinn: "Von den 484 Mrd. Euro aus dem Rettungsfonds würden wir 434 Mrd. Euro brauchen." Diese Ergebnisse decken sich mit denen vieler Großbanken vom vergangenen November.
Renommierte Ökonomen kritisierten den Vorstoß der deutschen Professoren auch inhaltlich heftig. Diese hatten unter anderem eine Insolvenz von Euro-Ländern noch vor möglichen Hilfen gefordert. "In der Stellungnahme der Ökonomen schimmert ein starker Glaube an die Effizienz der Finanzmärkte durch", sagte Markus Brunnermeier, Professor an der Elite-Uni Princeton. Die Märkte spiegelten die Risiken aber nicht immer richtig wider, so der Experte. So seien die für griechische Anleihen und US-Subprime-Anleihen geforderten Risikoaufschläge vor der Finanzkrise zu niedrig gewesen. "Hier haben die Märkte versagt."
"Die zentrale These des Aufrufs ist falsch", so Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg Bank. Europa brauche einen wirksamen Schutz gegen eine erneute Massenpanik. Ein dauerhafter Rettungsschirm würde es angeschlagenen Euro-Staaten ermöglichen, sich ihren Zugang zu den Kapitalmärkten durch Reformen wieder zu erarbeiten.

Teil 2: "Es ist bekannt, dass Finanzmärkte überreagieren können"

  • Aus der FTD vom 28.02.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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