Ein Grundschüler beobachtet einen physikalischen Versuch
Anja Ziegon hat resigniert: "Alle reden über Pisa. Aber ich kann nicht erkennen, dass Bildung für die Kleinsten eine Priorität in der deutschen Politik sein soll." Die Mutter dreier Kinder ist Vorsitzende des Grundschulausschusses im Bundeselternrat: "Wenn ich sehe, wie an den Grundschulen gespart wird, dann sträuben sich mir die Nackenhaare."
Es sind die nackten Zahlen, die Eltern wie Ziegon entsetzen. Deutschland gibt im internationalen Vergleich weniger für Grundschulen aus als der Durchschnitt der Industriestaaten, für weiterführende Schulen und Hochschulen dagegen mehr. In der Grundschule haben deutsche Schüler 20 Prozent weniger Unterrichtszeit als Gleichaltrige in anderen reichen Ländern. Bei den 15-Jährigen sind es immerhin nur noch 7 Prozent weniger.
Dabei hat Studie um Studie bewiesen, dass im frühen Kindesalter die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Das Sprichwort vom "Hänschen" ist abgedroschen, aber es stimmt. Vor allem benachteiligte Kinder erzielen nach dem Besuch von Vorschule oder Kindergarten deutliche bessere Ergebnisse.
Vom Kopf auf die Füße stellen
Für Experten steht fest, dass Deutschland bildungsökonomisch vom Kopf auf die Füße gestellt werden muss. Derzeit gibt die öffentliche Hand das Geld falsch aus. Nicht nur zum Nachteil des einzelnen Kindes, sondern auch zum Nachteil des Gemeinwohls. Denn wer nicht spätestens in der Grundschule Spaß am Lernen lernt, dem wird er wohl für immer fremd sein.
Der amerikanische Ökonom James Heckman, der für seine Forschung zur Sozialpolitik 2000 den Nobelpreis bekam, sagt: "Investitionen in ganz junge Kinder machen ökonomisch den meisten Sinn." Denn hier sind die sozialen Renditen auf Ausgaben der öffentlichen Hand am größten. Studien beweisen, dass selbst die höchsten Investitionen in Jobprogramme für 18-Jährige ohne Schulabschluss verpasste Chancen im Kindesalter nicht wettmachen können.
Diese Einsicht verbreitet sich langsam auch in Deutschland. "Die meisten Anstrengungen nach Pisa gehen in den Grundschul- und Vorschulbereich", sagt der Dortmunder Grundschulforscher Wilfried Bos. Doch ist es nahezu unmöglich, im Föderalismus-Dickicht eine erste allgemein gültige Bilanz zu ziehen. Das System ist im Fluss: Bei 16 Bundesländern gibt es ebenso viel neues Licht wie alten Schatten. Und das völlige Fehlen von bundesweiten Vergleichsdaten macht jede Analyse schwierig.
In den nächsten Tagen wird die FTD gute Ansätze an Grundschulreformen vorstellen. Dabei geht es nicht nur ums Geld. Viel Fortschritt lässt sich zum Beispiel schon mit engagierteren Lehrern erlangen. Auch Vergleichsarbeiten und mehr Autonomie der Schulen zum Beispiel in der Personalpolitik sind ebenfalls recht preiswert zu haben.
Grundlegende Änderungen erfordern Ressourcen
Aber es wäre illusorisch zu glauben, die bestehenden Mängel erforderten nicht auch zusätzliche Mittel. Wirklich grundlegende Änderungen wie die Einführung von mehr Ganztagsschulen verlangen Ressourcen. Das gilt auch für die individuelle Förderung von Begabungen durch Extra-Unterricht und den Einsatz von Erzieherinnen als zusätzlichen Lehrkräften im Klassenzimmer. Auch ein früherer Schulstart, wie er international längst Standard ist, kostet zumindest für einige Jahre Geld - solange nämlich mehr Schüler durchs System laufen.
Dazu müssten die Bundesländer ihre Bildungsausgaben umschichten. Im Primärbereich geben die Länder pro Schüler international gerade einmal 3400 Euro aus. Dagegen lässt sich die öffentliche Hand einen Studenten im Jahr 8500 Euro kosten, mehr als der OECD-Schnitt.
Doch deutsche Eltern haben zwei Hoffnungen. Zum ersten bietet sich in den nächsten Jahren eine einmalige Chance: Aufgrund sinkender Geburtenzahlen wird die Zahl der Grundschüler in den nächsten zehn Jahren um rund zehn Prozent sinken. Der Rückgang findet demografiebedingt nahezu ausschließlich in den alten Ländern statt, wo der Reformbedarf höher ist als in den neuen Ländern. Hier ist zum Beispiel der Anteil von Ganztagsschulen immer noch sehr gering. Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat nun errechnet, dass für eine Ausweitung aller Grundschulen auf Ganztagsschulen just ungefähr zehn Prozent an zusätzlichen Personalressourcen notwendig sind.
Elternvertreter dringen daher darauf, die "demografische Rendite" durch weniger Kinder im Schulsystem zu lassen. Dass das zu Erfolgen führt, machen zum Beispiel Sachsen und Thüringen vor. Die beiden ostdeutschen Länder haben trotz sinkender Schülerzahlen den Personalstand an den Schulen konstant gehalten und bieten nun ein beneidenswert gutes Verhältnis von Schülern zu Lehrern. Beim zweiten Pisa-Test gehörten sie zu den eindeutigen Gewinnern.
Die zweite Hoffnung ist, dass solch positive Ergebnisse einen Mentalitätswechsel herbeiführen. Anschubfinanzierungen lohnen sich nämlich für den Staat. Denn ein fehlender Schulabschluss ist das höchste Risiko für Arbeitslosigkeit. Gute Leistungen führen zu erhöhter Produktivität und langfristig zu mehr Innovationen. Schon mit Blick auf diese spätere Rendite darf Schule keine Begabung ungenutzt lassen, argumentiert IW-Bildungsökonom Axel Plünnecke: "Es macht keinen Sinn, auf Masse zu produzieren und dann nachzubereiten. Man muss das Band anhalten, wenn ein Fehler entsteht."
Ein besseres Schulsystem, das mehr Schüler durch mehr Betreuung und Qualitätskontrolle zu guten Leistungen bringt, könnte pro Jahr Ineffizienzen durch Schulabbruch und fehlenden Abschlüsse von 3,7 Mrd. Euro sparen, rechnet das IW vor. Allein die nachschulische Qualifizierung kostet die öffentliche Hand derzeit 3 Mrd. Euro; die Kosten, die durch entgangene Steuereinnahmen und Sozialleistungen entstehen, sind darin noch nicht einmal enthalten.