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Merken   Drucken   06.12.2012, 18:53 Schriftgröße: AAA

FTD-Wahlempfehlungen: Mut zur Meinung

Die FTD brach ein Tabu, als sie zur Bundestagswahl 2002 empfahl, die Liberalen zu wählen. Ist das nicht ein Verstoß gegen gebotene Neutralität, primitive Agitprop? Weder das eine noch das andere. Sondern ein notwendiger Anlass, um klar Stellung zu beziehen.
© Bild: 2012 DPA/Bildfunk/Patrick Pleul
Die FTD brach ein Tabu, als sie zur Bundestagswahl 2002 empfahl, die Liberalen zu wählen. Ist das nicht ein Verstoß gegen gebotene Neutralität, primitive Agitprop? Weder das eine noch das andere. Sondern ein notwendiger Anlass, um klar Stellung zu beziehen.

"Leisten Sie sich eine eigene Meinung - wir tun es auch." Mit diesem meterhoch im ganzen Land plakatierten Anspruch ist die FTD Anfang 2000 angetreten. Und diesen Luxus hat sie sich und ihren Lesern auch tatsächlich jederzeit gegönnt. Verluste hin, Sparrunden her. Es gibt Dinge, die diese Zeitung auch an ihrem letzten Tag nie über Ebay  verkaufen würde.

Das aufwendigste, anstrengendste und umstrittenste Projekt aus dieser Luxussammlung war die FTD-Wahlempfehlung - erschienen zu allen Bundestags- und Europawahlen, jeweils im Format des unsignierten Leitartikels, in dem sich die Zeitung jeden Tag als Institution zu Wort gemeldet hat. Eine solche Wahlempfehlung war im Grunde nur eine Selbstverständlichkeit für ein Blatt, das entscheidende Gene von einer angelsächsischen Mutter mitbekommen hat. Aber sie war ein Tabubruch im deutschen Journalismus.

Fotoserie "Wahlkampfrituale" Die Inszenierung von Macht

Die erste FTD-Empfehlung zur Bundestagswahl 2002 löste einen regelrechten Sturm der Empörung im Lande aus, Tausende von Mails fluteten unser Leserbriefpostfach, und eine schnelle Emnid-Umfrage fand prompt heraus, dass fast 80 Prozent der Deutschen gegen derart frivol-agitatorische Ratschläge in einer Zeitung waren.

Immerhin ist es der FTD in den Jahren danach gelungen, die gröbsten Missverständnisse rund um dieses Projekt auszuräumen.

Warum eine Wahlempfehlung? Gegenfrage: Warum eigentlich nicht? Eine Zeitung, die im Kreis ihrer Fachredakteure jeden Tag alle möglichen Einzelfragen debattiert und ihren Lesern dann mit einer klaren Meinung gegenübertritt, braucht sich nicht plötzlich zu verstecken, wenn es alle vier Jahre um die Frage geht, wer aus welchen Gründen die künftige Regierung stellen soll. Sie ist es ihren Lesern sogar schuldig, diese Frage offen zu diskutieren und zu beantworten, statt über die Bande bloßer "Fachkommentare" indirekt Meinung zu machen. Oder gar ihre Nachrichtenseiten parteipolitisch einzufärben.

In der angelsächsischen Zeitungswelt hat das "Endorsement" (wörtlich: die Unterstützung) eines Kandidaten oder einer Partei vor jeder Wahl eine lange Tradition. Es dient der Positionsklärung und kann dem Leser bei der eigenen Meinungsbildung helfen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Die FTD hat ihre Wahlempfehlungen nie einfach so aus der Hüfte geschossen. Die große Abschlussdiskussion, aus der schließlich der Leitartikel zur Wahl hervorging, wurde stets in einer Reihe von Fachdebatten zu den wichtigsten Politikfeldern vorbereitet. Führende Köpfe aus allen Parteien wurden in die Redaktion eingeladen, um ihnen auf den politischen Zahn zu fühlen. Mancher Gast mag dabei das Gefühl vergebener Liebesmüh gehabt haben - Gregor Gysi etwa vergaß hinterher seinen Mantel im Berliner Büro. Aber zur Bildung eines Gesamturteils hat jede dieser Runden beigetragen.

Die empörten Kritiker haben hinter der Wahlempfehlung einen Anschlag auf die Neutralität der Berichterstattung und auf die Unabhängigkeit der Redakteure gewittert. Mancher sah gar den Respekt vor dem Leser mit Füßen getreten.

Das war und ist absurd. Eine Wahlempfehlung ist ein Angebot von Argumenten - kein "Wahlbefehl". Wer meint, dass dadurch das Publikum manipuliert wird, der hat ein sehr seltsames Bild von seinem Zeitungsleser.

Oder auch von Redaktionen. Wie die FTD-Redakteure tatsächlich gewählt haben, das fällt selbstverständlich unter ihr ganz persönliches Wahlgeheimnis. In den unsignierten Leitartikeln hat sich stets die Zeitung als Institution, als die gleichsam ideelle Gesamtperson "FTD" mit ihren ganz spezifischen lachsrosa Interessen, Neigungen und Ansichten zu Wort gemeldet. Nicht die Privatperson des Verfassers oder der Chefredakteure. Auch nicht die Redaktion als Kollektiv, das seine Mehrheitsmeinung verkündet. Wir sind und bleiben Individualisten.

Die FTD hat sich immer eine eigene Meinung geleistet. Ihre Leser sollten das auch in Zukunft tun.

Insgesamt fünf große Wahlempfehlungen hat die FTD veröffentlicht. Sie hat sich dabei zweimal für die FDP (Europawahl 2004, Bundestagswahl 2005), zweimal für die Union (Bundestagswahlen 2002 und 2009) und einmal für die Grünen (Europawahl 2009) entschieden. Bei den Bundestagswahlen spielten immer auch koalitionstaktische Überlegungen eine gewisse Rolle. "Vorfahrt für Merkel" lautete etwa die Überschrift für die FDP-Empfehlung 2005. "Grün für Merkel" hieß es bei der CDU-Empfehlung 2009.

Die größten Enttäuschungen gab es im Laufe der Jahre womöglich gerade bei denen, die nach einer Wahlempfehlung schon dachten, ihre Partei hätte in der FTD einen neuen, verlässlichen Waffenbruder gefunden. Dass diese Partei gleich darauf schon wieder in der lachsrosa Kritik stand, mag überrascht und irritiert haben.

Aber eine Wahlempfehlung ist eben immer nur ein situationsgebundener Ratschlag für einen konkreten Sonntag. Deshalb gibt es auch heute keine Empfehlung und keinen letzten Willen für das Wahljahr 2013.

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  • Aus der FTD vom 07.12.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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