Die Lehrerin Sybille Becker mit den Kindern Maximilian (9 l.), Stella (10, r.) von der Thomas-Mann Grundschule in Berlin
Schüler und Lehrer stört das kaum. Jeden Morgen sitzen in den wenig einladenden Korridoren viele kleine Fördergruppen zusammen. Schulleiterin Gabriela Anders-Neufang kämpft mit dem Amt um mehr Platz, denn der Förderunterricht ist für Lehrer und Eltern schlicht unverzichtbar geworden.
"Schule muss auf die Bedürfnisse des einzelnen Schülers eingehen", sagt sie. "Nur dann behalten die Kinder die Freude am Lernen." Dass Eltern dieses Konzept schätzen, zeigen die Anmeldezahlen: Mittlerweile kommen viele Schüler per S-Bahn aus dem Umland.
Seit der Pisa-Studie versuchen engagierte Lehrer eine stille Revolution. Ziel: Mit konsequentem Förderunterricht sicherstellen, dass kein Kind zurückbleibt. Das ist besonders an Grundschulen wichtig. Denn hier stößt der Einheitsunterricht rasch an seine Grenzen. "In Klasse eins sind die Kinder drei bis vier Entwicklungsjahre auseinander", sagt der Vorsitzende des Grundschulverbands Horst Bartnitzky. Gerade am Anfang langweilen sich starke Schüler und werden oft zu Klassenclowns, während die schwächeren oft schnell resignieren. Das ist fatal, denn Studien haben gezeigt: Wer einmal dem Klassenziel hinterherhinkt, holt im jetzigen System nur selten wieder auf.
Vorreiter Baden-Württemberg
Entwicklungsforscher plädieren daher für jahrgangsübergreifendes Lernen. Vorreiter ist Baden-Württemberg, das als erstes Bundesland den altersgemischte Schulstart eingeführt hat. Andere Länder sind gefolgt. Der Stoff der ersten beiden Klassen kann je nach Begabung und Vorkenntnissen in ein, zwei oder drei Jahren absolviert werden.
Das kann aber nur funktionieren, wenn Unterricht nicht nur frontal stattfindet. Unabdingbar ist Zeit für den gezielten Ausgleich von Schwächen, aber auch die besondere Förderung von Stärken. Positiver Nebeneffekt: Wenn alle Kinder in kleinen Gruppen gefördert werden - egal, ob sie "drei mal vier" noch üben müssen oder schon schwierige Textaufgaben lösen - verliert der Förderunterricht sein Stigma, nur für "die Doofen" da zu sein.
Doch ein solcher Mentalitätswechsel fordert Ressourcen und Engagement der Lehrer. Zum einen müssen Ausweichräume da sein, in die sich die kleinen Gruppen zurückziehen können. Wie im Fall der Berliner Thomas-Mann-Schule bleibt hierfür allzu oft nur eine Tischgruppe auf dem Gang. Zum anderen braucht es mehr Personal. Im Idealfall sollten Förderlehrer oder Erzieher ständig mit in den Klassen sein, wünschen sich Pädagogen. Das leistet aber noch kein Bundesland. In der Thomas-Mann-Schule ist die Personaldecke zum Beispiel so dünn, dass in der Grippesaison immer als Erstes die Förderstunden ausfallen müssen.
Auch Lehrer müssen lernen
Zum anderen müssten auch die Lehrer dazulernen, fordern Experten. Ohne spezielle Weiterbildung produzieren Lehrer oft einen altmodischen Teilungsunterricht wie an der Landschule: Eine Gruppe beschäftigt sich still, die andere spricht mit dem Lehrer. "Ein echter Rückfall", bemängelt Bartnitzky.
Und letztlich muss das Schulsystem Unterstützung bieten, indem es Lehrer in die Pflicht nimmt, alle Schüler auf ein bestimmtes Niveau zu heben. Das geht am besten mit Bildungsstandards, empfiehlt die OECD. In der Pisa-Studie lagen Staaten mit solchen Bildungsnormen vorn. Denn damit kann sichergestellt werden, dass das Schulsystem kein Kind aufgibt.
In Deutschland stecken Bildungsstandards aber noch in den Kinderschuhen. Zwar hat die Kultusministerkonferenz Normen für verschiedene Altersgruppen und Fächer erarbeitet. Doch die Bundesländer konnten sich nicht dazu durchringen, die Standards für allgemein verbindlich zu erklären. Bis jetzt sind sie nur so genannte Regelstandards - also ein frommer Wunsch und keine Pflicht. Und außerdem ist die Entscheidung über die Kontrolle der Standards den Ländern selbst überlassen.
Kleine Revolution Individuelle Förderung Unterricht in Kleingruppen nach Leistungsstand hilft dabei, Talente zu fördern und Schwächen möglichst gar nicht erst entstehen zu lassen.
Flexible Klassen In altersgemischten Klassen können Lehrer besser auf unterschiedliche Lernstände eingehen. Ein "Hinterherhinken" wird nicht mehr stigmatisiert.
Bildungsstandards Viele erfolgreiche Pisa-Nationen haben Standards, an deren Erreichen Schulen und Lehrer gemessen werden.