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Merken   Drucken   12.01.2011, 14:29 Schriftgröße: AAA

Gesunde Ernährung: Teure Lebensmittel sind nicht immer gut

Der Dioxinskandal zeigt die Kehrseite der "Geiz ist geil"-Mentalität bei Nahrungsmitteln. Doch teurere Produkte sind nicht automatisch sicherer, auch wenn sich dieser Reflex bei Verbrauchern festgesetzt hat. Das nutzen Produzenten und Händler eifrig aus.
© Bild: 2011 reuters
Der Dioxinskandal zeigt die Kehrseite der "Geiz ist geil"-Mentalität bei Nahrungsmitteln. Doch teurere Produkte sind nicht automatisch sicherer, auch wenn sich dieser Reflex bei Verbrauchern festgesetzt hat. Das nutzen Produzenten und Händler eifrig aus. von Maike Rademaker  und Sebastian Grundke, Berlin
Kaum begann der Dioxinskandal, startete auch schon die Verbraucherschelte: Wer so auf den Preis sieht wie die Deutschen, muss sich nicht wundern, wenn Tiere mit Billigfutter versorgt werden. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) forderte die Verbraucher daher bereits auf, ihr Verhalten zu ändern: Viele Menschen müssten zwar jeden Cent umdrehen - aber eben längst nicht alle: "Viele könnten etwas mehr Wertschätzung, mehr Geld letztendlich für Lebensmittel ausgeben", empfahl Aigner am Montag in einem Radiointerview.
Umsatz biologischer Nahrungsmittel in Deutschland, in Mrd. Euro   Umsatz biologischer Nahrungsmittel in Deutschland, in Mrd. Euro
Das habe Einfluss auf die Landwirtschaft. Die Ministerin treibt damit einen Trend voran: Laut Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ist der Preis längst nicht mehr das ausschlaggebende Argument beim Einkauf. "Seit 2005 beobachten wir eine Umorientierung in Richtung Qualität. Mittlerweile stehen Preis und Qualität bei der Entscheidung pari-pari. Das war einmal anders: In der Geiz-ist-geil-Phase stand der Preis weit mehr im Vordergrund. Diese ausschließliche Fokussierung ist vorbei", sagte GfK-Forscher Wolfgang Adlwarth.
Aber die These "Mehr Geld - sicherer essen" geht nur bedingt auf. Und sie schützt schon gar nicht, wenn kriminelle Energie im Spiel ist. Die FTD untersucht beliebte Alternativen zum Discounter und vergibt Sterne für relative Sicherheit:
Ökoprodukte einkaufen ist in Deutschland in, auch wenn diese teurer sind. Längst sind die deutschen Biobauern nicht mehr in der Lage, die Nachfrage allein zu bewältigen, vieles wird aus dem Ausland importiert - wie Bioeier aus den Niederlanden. Und längst gibt es auch in dieser Branche mittlerweile 20 Zertifikate und damit eine schwindende Übersicht.
Chronik der Lebensmittelskandale Brot mit Mäusekot, Rind mit Wahnsinn
Bioland ist darunter eines der ältesten und schärfsten Siegel. Für die 5000 zertifizierten Bioland-Bauern gilt: Jeder Betrieb wird jedes Jahr geprüft - nicht nur die Hälfte aller Betriebe, wie es in der konventionellen Produktion der Fall ist. Bio-Futtermittelhersteller werden mindestens viermal jährlich kontrolliert, führen Eigenkontrollen durch und erhalten Überraschungsbesuche - und das von Kontrolleuren, die auf die Branche spezialisiert sind. Futtermittel für die Tiere muss aus Ökoprodukten bestehen und darf auch nicht aus Übersee kommen.
All das hat die Branche aber nicht vor Skandalen geschützt: 2002 fand sich durch falsche Lagerung das Pflanzenschutzmittel Nitrofen in Biogetreide. 2009 verfütterte einer der größten Biogeflügelzüchter konventionelles Futter, verkaufte die Tiere aber als Biohendl. Und im vergangenen Jahr geriet dioxinverseuchter Mais auf Biohühnerhöfe.
Relative Sicherheit
2 von 3 Sternen
Der Dioxin-Skandal...

 

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Nachdem der Milchpreis 2009 in den Keller rauschte, ergriffen 120 Milchbauern aus Bayern, Hessen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen die Initiative: Sie bieten über Supermärkte in mittlerweile sechs Bundesländern die "Faire Milch" an.
Diese Milch ist rund 30 Prozent teurer als die übliche - die Zusatzmarge geht dafür an den Landwirt und nicht an den Zwischenhandel. Die Bauern versprechen Qualität: "Das Futter ist gentechnikfrei und nicht aus Übersee", sagte Milchbauernlobbyist Romuald Schaber. Außerdem achte man auf Regionalität und schreibe viel Grünfutter für die Kühe vor.
Die Lieferketten der Mischfutterhersteller werden damit allerdings nicht umgangen, der Einsatz von Pflanzenölen im Futter ist hier ebenfalls nicht ausgeschlossen, und mehr Kontrollen gibt es auch nicht. "Man ist bei uns sicherer, aber nicht 100 Prozent. Sicher ist man nirgendwo", sagte Schaber. Immerhin - man findet die Adressen der Milchbauern online.
Relative Sicherheit
1 von 3 Sternen
Eine häufige Ansage in Kochsendungen und Büchern lautet: Kaufen Sie beim "Metzger Ihres Vertrauens". Das geht: Neben dem Supermarktverkauf können die Deutschen die rund 60 Kilo Fleisch, die sie im Jahr verzehren, in rund 26.500 Fleischereien einkaufen, davon 16.500 Meisterbetriebe. Laut Fleischereiverband hat der höhere Preis einen Vorteil: Man arbeite in einem höheren Qualitätssortiment und werbe mit dieser Qualität.
Die Fleischer produzierten selbst, schlachteten in ländlichen Gebieten sogar manchmal selbst, "und der Produzent ist in Rufweite - in der Fleischerei", sagte ein Verbandssprecher. Damit könne der Verbraucher Informationen zu Herkunft und Lagerung direkt bekommen. "Im ländlichen Raum sind zudem die Lieferketten überschaubar: Der Fleischer bezieht die Rohware oft aus der Region." Nur gilt das bei Weitem nicht für jeden Fleischer. Viele packen auch nur Vakuumware aus wie die Supermärkte. Und geprüft wird über die staatliche Lebensmittelkontrolle und Eigenkontrolle - genau das System, das derzeit wegen des Dioxinskandals als unzureichend auf dem Prüfstand steht.
Relative Sicherheit
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Was gut ist, hat ein Gütesiegel und umgekehrt - das ist die gültige Auffassung. In Deutschland existieren aber allein im Lebensmittelbereich 100 verschiedene dieser Qualitätssiegel, die scheinbare Sicherheit vorgeben.
80 davon listet die Organisation Verbraucher Initiative in ihrer Datenbank. Doch nur drei kann deren Vertreterin Judith Hübner empfehlen: das Biosiegel der EU, Demeter und Naturland. Selbst bei diesen Ökosiegeln steht aber nicht auf der Packung, nach welchen Kriterien sie produziert wurden, kritisiert die Verbraucherorganisation Foodwatch. Und bei allen anderen Siegeln sind die Kriterien noch undurchsichtiger.
Denn viele Siegel werden von den Herstellern selbst oder von Interessenverbänden vergeben - die Transparenz der Vergabekriterien ist meist mangelhaft. Dass Gütesiegel nichts verhindern, zeigt der aktuelle Dioxinfall: Der im Zentrum des Skandals stehende Futtermittelhersteller Harles und Jentzsch hatte ebenfalls ein QS-Siegel - eines der am stärksten verbreiteten Gütesiegel in der Agrarbranche.
Der Siegelwirrwarr an den Regalen macht zudem für den Verbraucher das Einkaufen zur Last statt zur Lust: "Die große mentale Leistung beim Einkaufen ist eigentlich, mit fünf oder zehn Produkten aus dem Supermarkt wieder rauszukommen. Wenn wir alle Produkte genau anschauen, verhungern wir, bevor wir mit dem Einkaufen fertig sind", sagte Lebensmittelökonom Johannes Simons von der Universität Bonn.
Relative Sicherheit
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  • FTD.de, 12.01.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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