Am Dienstag ist es wieder so weit: Bundesweit werden am Tag der Arbeit Kundgebungen stattfinden, auf denen rote Fähnchen wehen und Gewerkschaftsbosse reden, für gute Arbeit, für einen Mindestlohn, gegen Ausbeutung. Und am Abend wird, egal wie hoch die Teilnehmerzahl ist, ein tief befriedigter Michael Sommer als Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds sagen, wie erfolgreich der Tag der Arbeit doch wieder war.
Erfolgreich? Letztes Jahr waren es rund 423.000 Teilnehmer, viel mehr werden es 2012 vermutlich auch nicht werden. Und das bei bundesweit über 40 Millionen Erwerbstätigen, davon rund 28 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Mehr als sechs Millionen Menschen sind gewerkschaftlich organisiert. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist so zerrissen wie nie, Millionen krebsen in befristeten Jobs, Leiharbeits- oder Werkverträgen vor sich hin, Millionen stecken in Minijobs. Für ganze Branchen sinkt seit Jahren das Reallohnniveau.
Europaweit protestieren Menschen gegen Sparprogramme, in mehreren Ländern sind Mindestlöhne nicht mehr gesichert und werden Tariflöhne gesenkt: Nie zuvor gab es mehr Grund, auf die Straße zu gehen und für die Gewerkschaftsinteressen einzustehen. Aber die deutschen Arbeitnehmer tun es nicht. Mitten im besten Umfeld, das sich ihnen bieten kann, sind die Gewerkschaften unfassbar erfolglos.
Dabei sind die Organisationen heute geradezu beliebt - zumindest theoretisch. Laut Umfrage finden derzeit satte 41 Prozent der Bevölkerung Gewerkschaften gut, 2003 waren es nur 23 Prozent. Auch die Politik geht geradezu liebevoll mit ihnen um. Die FDP vermeidet Frontalangriffe, die SPD schminkt sich täglich neue Forderungen an, die Kanzlerin isst und redet mit den Bossen, wann immer sich die Gelegenheit bietet. Den Gewerkschaften geht es wie Biogemüse: Viele finden sie gut - aber wenn es ernst wird, wird gekniffen.
Selbst schuld, könnte man sagen, die Beschäftigten haben die Welt, die sie haben wollen. Wenn der Arbeitnehmer sich lieber mit den Details seines nächsten Urlaubs beschäftigt als damit, wie sein Lohn und seine Arbeitsbedingungen verbessert werden können, dann ist ihm eben nicht zu helfen. So ist es nun mal: Gewerkschaften sind nur da mächtig, wo sie Mitglieder und Mitkämpfer haben, nicht mehr und nicht weniger.
Nicht, dass sie bedeutungslos wären. Wo sie die Macht haben, in den gut organisierten Betrieben, nutzen die Organisationen sie mittlerweile gut: Seit die IG Metall beinhart einen Kurs für Mitgliederwerbung fährt, steigt die Zahl der Mitglieder. Die Industriegewerkschaften erzielen gute Lohnerhöhungen. Die IG Metall presst den Zeitarbeitsfirmen neue und bessere Verträge ab. Verdi hat gerade im öffentlichen Dienst ein sattes Plus ausverhandelt.
Aber all jene, die nicht das Glück haben, in einem dieser Betriebe zu arbeiten, gehen leer aus - und in ihren Köpfen sind die Gewerkschaften weiterhin nicht existent. Die Gewerkschaften als soziale Gegenmacht zu den Unternehmen, zur Agenda-2010-Politik gibt es weiterhin nicht. Die mehr als lahme Beteiligung der Arbeitnehmer an dem wichtigsten Tag der Gewerkschaften, dem 1. Mai, der dafür sogar ein Feiertag ist, ist dafür das beste Zeichen.
Auch der Erfolg ist mit Skepsis zu betrachten. Viel davon ist vor allem der brummenden deutschen Konjunktur zu verdanken. Und Unternehmer müssen ohnehin bald besser mit den Beschäftigten umgehen, weil die sonst zum Konkurrenten wechseln. Die Gewerkschaften sind nicht machtvoll, sie reiten eine gut laufende soziale Welle. An der grundlegenden Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt - Niedriglohnsektor, schnellere Akkordarbeit, wuchernde Leiharbeit - haben sie wenig ändern können.
Und es ist fraglich, ob die Gewerkschaften aus dieser Sozialwelle mehr machen werden. Denn an grundlegenden Problemen der Organisationen hat sich nichts geändert. Sie sind dominiert von Männern und haben überalterte Führungsebenen. Sie kämpfen mehr gegen- als miteinander, vor allem national und geschmückt mit neuen Auswüchsen wie den Spartengewerkschaften für Ärzte und Lokführer. Und den wichtigsten Trend der Neuzeit, die sozialen Medien, bedienen sie wie Grundschüler.
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Keine der acht DGB-Gewerkschaften wird von einer Frau repräsentiert. Während in der Politik und in Unternehmen Frauen für Jobs und Posten der Hof gemacht wird, passiert in den Gewerkschaften hierzu nichts. Frauenthemen wie gleiche Bezahlung für gleiche Leistung, Vereinbarkeit von Familien und Beruf sind Randthemen. Es gibt Massenkampagnen gegen Zeitarbeit und die Rente mit 67, aber für Kinderbetreuung nur politische Statements. Ein europäisches Gesicht haben die Gewerkschaften nicht - am 1.Mai spricht kein prominenter Grieche und kein Spanier. Der Titel für den 1.Mai ist übrigens "Gute Arbeit für Europa". Und wer sich die Mühe antut, die Twitter- oder Facebook-Auftritte der Arbeitnehmervertreter zu verfolgen, kann gleich Baldrian zum Einschlafen nehmen.
Für die, die schon Mitglieder sind, mag das reichen. Für die Zukunft und für die, die außerhalb stehen, nicht. Die Gewerkschaften müssen die derzeitige Welle und ihre Macht in den Betrieben nutzen, um sich besser aufzustellen. Die nächste Krise ist bereits im Anmarsch.