Schüler der Berliner Grundschule Neukölln beim Mittagessen
Mittags um halb eins. Für die meisten Grundschüler in Deutschland ist der Schultag zu Ende. Nicht für Oguz. Der Achtjährige sitzt in der Schulkantine vor einem Teller mit Reis, einer Scheibe Rindfleisch und zwei einsamen kleinen Möhren. "Ich mag kein Gemüse", gesteht Oguz im Flüsterton. Den ganzen Tag in der Schule zu sein, findet er dagegen gut: "Das ist schön. Denn wir lernen hier mehr als Kinder an anderen Schulen."
Oguz' Grundschule liegt in Berlin-Neukölln. Drei Viertel der Mütter und Väter sind Ausländer, zwei Drittel beziehen Sozialhilfe. Das einzige Schild in der S-Bahn-Station weist zur Bundesagentur für Arbeit.
Trotz oder vielleicht gerade wegen des schwierigen Umfelds gehört die "Grundschule in der Köllnischen Heide" zu den Vorzeigeschulen der Stadt. Schon seit 28 Jahren ist sie Ganztagsschule. "Bis Pisa hat sich keiner für uns interessiert", sagt Schulleiterin Astrid-Sabine Busse. Inzwischen vergeht kaum eine Woche, in der nicht Besuch kommt, um sich über den Ganztagsbetrieb zu informieren.
Pisa-Schreck verändert Schulbild
Zwar ist Schule bis in den Nachmittag international längst Standard. Hier zu Lande wurde die Ganztagsschule aber lange als staatliche Verwahranstalt verteufelt, galt als zu belastend für die Schüler und als verwerfliches "Aus-der-Verantwortung-Stehlen" der Eltern - insbesondere der Mütter.
Es brauchte den Pisa-Schock, um das Bild zu verändern. Die miserablen Ergebnisse führten vor Augen, dass sich kaum ein Land so geringe Schulzeiten leistet wie Deutschland. ABC-Schützen haben hier 20 Prozent weniger Unterricht als in anderen Industrienationen.
Zum anderen untermauerte die Pisa-Studie, dass vor allem Migranten und Kinder aus sozial schwachen Familien vom klassischen Schulsystem allein gelassen werden: Wenn alle Kinder um 12.30 Uhr in ihr Milieu zurückkehren, verfestigen sich soziale Unterschiede.
Viele Pädagogen halten den Ausbau von Ganztagsschulen daher für die vielleicht dringendste Reform im deutschen Schulsystem. Zwar gibt es bis jetzt noch keine umfassende Studie, ob diese Schulform wirklich bessere Ergebnisse hervorbringt; das soll erst beim nächsten Pisa-Test 2006 untersucht werden. Doch erste kleinere Forschungsprojekte sind vielversprechend. Der Dortmunder Grundschulforscher Wilfried Bos sagt: "Ganztagsschule ist auf jeden Fall sinnvoll, weil hier Kinder aus bildungsfernen Schichten Anregungen finden."
Dilemma für Frauen
2003 hatte die rot-grüne Bundesregierung beschlossen, 4 Mrd. Euro für den Ausbau von Schulen zu Ganztagseinrichtungen bereitzustellen. Die große Koalition wird das bis 2009 befristete Programm fortsetzen. Bis dahin sollen allein 5000 Grundschulen umgestellt werden. Doch selbst dann wäre nicht einmal jede zehnte Grundschule ein echter Ganztagsbetrieb.
Zu wenig, finden viele, denn auch angesichts von sinkenden Geburtenraten und Fachkräftemangel werden Ganztagsschulen gebraucht. Wenn Schule nur vormittags stattfindet, ist Arbeit für viele Mütter entweder ökonomisch nicht mehr sinnvoll oder muss sich auf einfache Halbtagsjobs beschränken. Vor allem für gut ausgebildete Frauen ist das ein Dilemma. Gegenwärtig bleiben doppelt so viele Akademikerinnen kinderlos wie Frauen mit einem Hauptschulabschluss.