Außenminister Joschka Fischer am Wahlabend
Grünen-Spitzenkandidat Joschka Fischer macht aus seiner Meinung kein Geheimnis. Es sei ein schwieriges Wahlergebnis, ruft er den mehr als 2000 Parteifreunden in einem ausgemusterten Flugzeughangar in Berlin-Tempelhof zu. Einerseits müsse sich seine Partei wegen der fehlenden Mehrheit für Rot-Grün "auf die Opposition einstellen". Andererseits gehe es darum, in der Gestaltung des Landes weiterzukommen, "ob in der Opposition oder in anderer Rolle".
Damit ist die Katze aus dem Sack: Die Grünen, die im Wahlkampf noch über Guido Westerwelle und seine Liberalen bei jeder Gelegenheit gelästert hatten, würden mit der FDP in eine Koalition eintreten, wenn es sich denn ergäbe. Ein klares Nein zur FDP ist nirgendwo zu hören.
Bei den Grünen will niemand etwas ausschließen
Im Vorfeld hatte es geheißen, dass eine Koalition mit den Liberalen die Ökopartei in eine Zerreißprobe führen könnte. Zu weit liegen vor allem in der Steuer- und in der Sozialpolitik beide Parteien auseinander. Durch den deutlichen Stimmenzuwachs der FDP dürfte eine Zusammenarbeit mit den Liberalen noch einmal deutlich schwieriger geworden sein. Und doch will bei den Grünen niemand etwas ausschließen.
Jetzt seien die Großen am Zug, sagt Fischer: Frau Merkel und Herr Schröder. Später sagt der Außenminister in der Berliner Runde: "Wenn Frau Merkel mit uns redet, dann werden wir nicht sagen, wir reden nicht mit ihr." Aber eine so genannte Jamaika-Koalition aus Schwarz, Gelb und Grün gehe nach seiner Einschätzung weder mit Herrn Stoiber noch mit Frau Merkel.
Die grüne Parteibasis im Hangar lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass sie sich eine rote Ampel mit der SPD vorstellen kann, aber keine mit der CDU. Als die Verluste der Union auf dem großen Monitor erscheinen, jubeln die Grünen-Anhänger. Der Auftritt von Bundeskanzler Gerhard Schröder in der Runde der Spitzenkandidaten wird bei jeder einzelnen Wortmeldung des Kanzlers ebenfalls lauthals bejubelt.
Als FDP-Chef Guido Westerwelle sich im Fernsehen offenbar daranmacht, eine Ampelkoalition noch einmal absolut auszuschließen, wechselt die Bildregie im Grünen-Hangar sicherheitshalber schnell das Programm. Der Oberliberale erntet für seine Absage an die Ampel bei den Grünen sogar Buhrufe.
Von 8,6 Prozent der Stimmen bei der letzten Wahl sind die Grünen auf jetzt 8,2 Prozent abgerutscht - so der Stand am späten Sonntagabend. Trotzdem sind sie über ihr Abschneiden sehr erleichtert. In Hinterköpfen spukte gar ein Fall unter die Fünf-Prozent-Hürde herum. Eine Diskussion darüber konnte aber vermieden werden.
"Es hat sich gelohnt zu kämpfen"
"Über acht Prozent. Das ist angesichts der Rahmenbedingungen sensationell", ruft die Vorsitzende Claudia Roth den Anhängern zu. Und die Grünen-Freunde jubeln, als wenn sie die Bundestagswahl gewonnen hätten. "Es hat sich gelohnt zu kämpfen", jubiliert Roth, "auch ohne Funktionselement."
Ohne Funktionselement - das soll heißen, dass die Grünen zum Zeitpunkt der Ankündigung der Wahlen fürchten mussten, am Wahltag schwer unter die Räder zu kommen. Die allgemeine Erwartung war, dass die Ökos bei der nächsten Regierungsbildung keine Rolle spielen. Und ihr Anliegen der ökologischen Modernisierung wirkte angesichts der allgemeinen Rufe nach Vorfahrt für Arbeit nebensächlich.