Katrin Göring-Eckardt erlaubt sich ein Strahlen, als sie in den Berliner Uferstudios im grünen Jackett vor die Presse tritt. Neben ihr steht der schwarz-grau gewandete Jürgen Trittin, der sein süffisantes Jürgen-Trittin-Lächeln aufsetzt. Die beiden haben allen Grund, zufrieden zu sein. Die Parteibasis hat die Grünen-Politiker zum Spitzenkandidaten-Duo für die Bundestagswahl im kommenden Jahr gekürt. Trittin ist seiner Favoritenrolle gerecht geworden, mit "KGE" - so die geläufige Abkürzung ihres Namens - war dagegen nicht unbedingt zu rechnen. Als "kleine oder große Überraschung je nach Erwartung" bezeichnet sie selbst ihren Erfolg.
Die Bundestagsvizepräsidentin und der frühere Umweltminister repräsentieren unterschiedliche Lager bei den Grünen. Trittin gilt als Linker, während Göring-Eckardt dem Realoflügel zugeordnet wird. Trittin selbst zieht den gewagten Vergleich zu Mutter Theresa und Darth Vader, dem Bösewicht aus den Star-Wars-Filmen. "Bist du die Mutter Theresa?", fragt Göring-Eckardt lachend. Natürlich soll sie die Politikerin mit dem weichen Herzen darstellen. Und ihren Ausführungen geht sie auch ausführlich auf die gerechtere Gesellschaft ein, die sich die Grünen wünschen. Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke stellt sie als "Anwältin der Ärmsten" vor. Trittin wird dagegen eher der Abteilung Attacke zugeordnet.
Das Ergebnis fiel unerwartet deutlich aus - besonders für Trittin. Mit 71,9 Prozent ist er künftig der starke Mann bei den Grünen. Offenbar ist der Vorsitzende der Bundestagsfraktion auch im Realolager unumstritten. Befürchtungen im Vorfeld, er könnte quasi unbeabsichtigt durchfallen, weil die Basis seine Kandidatur bereits für sicher hält, erweisen sich als gegenstandslos. Aber das Ergebnis ist auch eine Herausforderung: 10,7 Prozent haben die Grünen 2009 erreicht, 2013 gelte es eine Schippe draufzulegen, sagt Trittin.
Seine künftige Wahlkampfpartnerin Göring-Eckardt kommt auf 47,3 Prozent der Stimmen. Sie liegt damit gut neun Prozentpunkte vor Co-Fraktionschefin Renate Künast und gar mehr als 20 Prozentpunkte vor der Parteivorsitzenden Claudia Roth. "Das Wahlergebnis war nicht das, was ich als wahrscheinlichstes vermutet hatte", sagt Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke als sie am Samstagmorgen das Ergebnis bekannt gibt. Offenbar wünscht sich die Basis ein unverbrauchtes Gesicht neben Trittin.
Die 46-jährige Göring-Eckardt ist zwar schon lange im Geschäft, doch anders als Roth und Künast stand sie zuletzt nicht mehr in der ersten Reihe. Am Samstagmorgen muss sie bange Minuten überstehen. Lemke lässt die Kandidaten bis kurz vor der offiziellen Verkündung des Ergebnisses zittern. Nichts war von der seit einer Woche laufenden Auszählung nach außen gedrungen. Die Bewerber sollten gegen 9:50 Uhr informiert werden. Göring-Eckardt erfährt von ihrem Triumph erst um 9:57 Uhr. Es sind für sie keine angenehmen sieben Minuten, bis die erlösende Nachricht kommt.
Immerhin kann sie ihren Erfolg für den Rest des Tages auskosten. Für Claudia Roth müssen es dagegen bittere Stunden sein. Erst auf ihr Drängen ist es überhaupt zu dem Basisvotum gekommen. Frühzeitig hat sie ihre Ambitionen angemeldet, auch weil sie Trittin als einzigen Kandidaten verhindern wollte. Mit dem linken Duo Roth/Trittin hätte aber die parteiinterne Arithmetik zwischen den Flügeln nicht mehr gestimmt. Per Facebook meldet sich die Parteichefin zu Wort. Es sind lediglich zwei kurze Sätze: "Ich gratuliere von Herzen Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt. Das ist Demokratie!"
Die beiden Spitzenkandidaten versuchen die Parteichefin aufzufangen. "Es gibt keine Verliererinnen und Verlierer", sagt Göring-Eckardt. Und sie habe auch niemanden aus dem Feld geschlagen. Bundesgeschäftsführerin Lemke spricht von einer "weisen Balance zwischen Kontinuität und Erneuerung" sowie den Parteiflügeln. Auch die Spitzenkandidaten sorgen sich um den Parteifrieden. Sie wünschen Roth ein gutes Ergebnis, wenn sie denn ihre Kandidatur als Parteivorsitzende für den Parteitag Mitte November in Hannover aufrechterhält. Eine Führungskrise will sich bei den Grünen momentan niemand leisten.
Das neue Wahlkampfspitzenduo verlässt die Uferstudios gemeinsam. Es gibt noch viel zu besprechen, bevor der Wahlkampf richtig beginnen kann. Am Samstagabend ist für beide Erholung angesagt: Trittin schaut sich im Deutschen Theater das Stück "Demokratie" an. Göring-Eckardt will sich beim neuen James Bond entspannen.