Zwar erwarten die Institute kommendes Jahr mit 1,2 Prozent ein etwas stärkeres Wirtschaftswachstum nach 0,8 Prozent dieses Jahr, wie sie am Donnerstag in ihrem Herbstgutachten schrieben. Eine Unsicherheit für die Prognose sei der wirtschaftspolitische Kurs der neuen Bundesregierung. Durchgreifende Reformen könnten das Wachstum im kommenden Jahr etwas beschleunigen.
Die Bundesregierung wird sich die Wachstumsprognose der Institute nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters zu eigen machen. Clement wird die neue Regierungsschätzung am Freitag veröffentlichen. Bei einer internen Veranstaltung in Osnabrück nannte der Minister nach Angaben eines Teilnehmers genau die gleichen Wachstumszahlen wie die Institute.
"Die Wachstumsperspektiven der deutschen Wirtschaft haben sich für das Jahr 2006 seit dem Frühjahr verschlechtert", kommentieret Anton Börner, Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA), das Herbstgutachten.
Er erwartet zügige Reformen: "Die Regierung muss Unternehmen und Bürgern zügig eine Zukunftsperspektive geben. Das bedeutet ein Reformpaket zu schnüren, das weiter geht, als die Agenda 2010 und die grundlegenden Wirtschaftswachstumsprobleme unseres Landes löst. Gelingt ihr dies nicht, dann ist die Wachstumsprognose der Institute von 1,2 Prozent für 2006 hinfällig", sagte Börner weiter.
Wirtschaft auf wackeligen Beinen
Nach Erwartung der Institute steht die Wirtschaft weiter auf wackeligen Beinen: "Da die binnenwirtschaftliche Dynamik auch 2006 nicht sehr ausgeprägt sein wird, können schon kleine Störungen von außen die deutsche Wirtschaft in die Nähe der Stagnation zurückwerfen."
So könne ein weiteres kräftiges Anziehen der Energiepreise die Konjunktur erheblich belasten. Allein seit Jahresbeginn hat sich Rohöl um rund 50 Prozent verteuert, was auch die Preise für Kraftstoffe oder Heizöl auf Rekordstände getrieben hat. Dadurch hätten die privaten Haushalte deutlich an Kaufkraft verloren. Allerdings sollte dieser Effekt im Laufe des nächsten Jahres nachlassen. Da sich die Lage am Arbeitsmarkt außerdem leicht verbessern sollte, erwarten die Forscher nur noch einen Rückgang des privaten Konsums um 0,2 Prozent. Die Arbeitslosenquote sollte auf 10,9 von 11,2 Prozent sinken.
Lichtblick Ausrüstungsinvestitionen
Ein Lichtblick für die Binnenkonjunktur seien die Ausrüstungsinvestitionen, die seit dem Frühjahr 2004 aufwärts gerichtet sind. Aber auch hier wirke der hohe Ölpreis von derzeit rund 60 $ je Fass (159 Liter) dämpfend. Insgesamt erwarten die Forscher einen Anstieg der Ausrüstungsinvestitionen 2006 um 4,5 Prozent nach 4,1 Prozent in diesem Jahr. Dagegen blieben die Bauinvestitionen schwach, sollten 2006 aber nur noch um 1,2 Prozent abnehmen, nach einem Minus von 4,9 Prozent 2005.
Wegen der flauen Binnenkonjunktur werde das Wachstum der Gesamtwirtschaft 2006 noch zu zwei Dritteln vom Außenhandel getragen, nachdem es in diesem Jahr alleine auf den Schultern des Exports liegen werde, schrieben die Institute. Bei einer ruhigeren Gangart der Weltkonjunktur sollte das Exportwachstum allerdings etwas an Schwung verlieren. Konkret erwarten die Forscher einen Exportanstieg im kommenden Jahr um 6,5 Prozent nach plus 5,9 Prozent in diesem Jahr. Da auch die realen Importe zulegen, steigt der Exportüberschuss nur leicht.
Unwahrscheinliche Inflation
Trotz des Preisauftriebs durch die Ölpreise rechnen die Institute nicht mit einer Erhöhung der Inflation. Zum einen dürften die schwache Konsumnachfrage und der intensive Wettbewerb im Einzelhandel keine größeren Preisanhebungen zulassen, zum anderen wirke die hohe Arbeitslosigkeit dämpfend auf die Lohnabschlüsse. So sollten die Verbraucherpreise 2006 um 2,0 nach 2,1 Prozent in diesem Jahr steigen. Wesentliche Aufgabe der Europäischen Zentralbank (EZB) sei es aber zu verhindern, dass die Inflationserwartungen stiegen. Sie werde deshalb ihren expansiven Kurs zurücknehmen und den Leitzins 2006 auf 2,5 von derzeit 2 Prozent anheben.
Größtes Konjunkturrisiko bleibt den Instituten zufolge die Energiepreisentwicklung und Verwerfungen in der Weltwirtschaft. Andererseits könne die Politik mit Reformen die mittelfristigen Bedingungen für die Wirtschaft in Deutschland verbessern, was schon auf 2006 wirken könnte. "Die Situation ist so dramatisch, dass man sich nicht leisten kann, grundlegende Änderungen in der Wirtschaftspolitik weiter aufzuschieben", hieß es im Gutachten. Wenn die Wirtschaftspolitik nicht handle, werde sich das Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens schon wegen der demographischen Entwicklung auf längere Sicht verlangsamen.