"In diesem Jahr werden wir kaum noch eine Beschleunigung sehen. Die Gefahr von Zweitrundeneffekten ist bis ins nächste Jahr relativ gering.", so Koch. Das sieht auch Commerzbank-Ökonom Matthias Rubisch so. Der Experte geht davon aus, dass die Kernrate 2009 wegen der konjunkturbedingten hohen Lohnabschlüsse leicht ansteigen dürfte.
Zuletzt hatten hohe Tarifabschlüsse im öffentlichen Dienst die Sorgen verstärkt, dass die Arbeitnehmer in ganz Europa wegen der starken Teuerung deutlich mehr Lohn durchsetzen und so die Inflation kräftiger antreiben. Vor solch einer Spirale warnen auch die Währungshüter der Europäischen Zentralbank (EZB) regelmäßig.
Das Statistikamt Destatis hat am Mittwoch vorläufige Zahlen zur Inflation in Deutschland für den Mai veröffentlicht. Demnach stiegen die Verbraucherpreise im Vergleich zum Vorjahr um 3,0 Prozent. Im April war die Rate auf 2,4 Prozent gesunken. Volkswirte hatten aber schon damals keine Entwarnung gegeben. Die frühen Osterfeiertage hätten die Statistik verzerrt.
Preistreibend wirkte sich im Mai wie schon in den Wintermonaten vor allem Energie aus. So war Heizöl zwischen 49,1 und 64,6 Prozent teurer als vor einem Jahr. Diesel kostete zwischen 25,8 und 27,5 Prozent mehr. Der Teuerungsschub komme diesmal weniger von Nahrungsmitteln, sagte Uwe Angenendt, Chefvolkswirt der BHF-Bank. Auch Unicredit-Experte Koch sieht eine Entspannung beim Weizen. Sinkende Milchpreise hätten den Druck auf die Nahrungspreise abgefedert, sagte Matthias Rubisch von der Commerzbank.
Starker Euro reduziert Preisdruck bei Importen
Ohne die schwankungsanfälligen Preise für Lebensmittel und Energie dürfte der Preisanstieg von 1,0 auf 1,2 Prozent zugenommen haben, schätzt Rubisch. Das liegt unter dem Ziel der EZB von nahe, aber weniger als zwei Prozent. Dabei dürften bereits zu einem gewissen Maß die hohen Energiekosten auf andere Güter und Dienstleistungen durchgeschlagen haben. "Gerade bei Verkehrsunternehmen wie Bahn oder Fluggesellschaften müssten in nächster Zeit die Preise anziehen", sagte Joachim Scheide, Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel.
Ein Überspringen der Teuerung sieht zwar auch Unicredit-Volkswirt Koch. Nur sei der Effekt nicht so stark, dass die Inflation im Kern weiter zunehme. "Der starke Euro führt bereits dazu, dass der Preisdruck bei Importgütern nachlässt", sagte er. Zudem verteuerten sich Dienstleistungen nur geringfügig. Das führt Koch auf den anhaltend schwachen Verbrauch der Deutschen zurück. Auch stünden viele Unternehmen im scharfen Wettbewerb, was große Preisanstiege verhindert.
Die Teuerung dürfte dennoch wegen der hohen Ölpreise ein Thema bleiben. Die Volkswirte der im Bundesverband Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB) vertretenen Institute erwarten, dass die Inflationssorgen das zweite Halbjahr 2008 beherrschen werden.
Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank, sagte für die Euro-Zone eine Inflationsrate von 3,6 bis 3,8 Prozent über den Sommer voraus. Erst zum Jahresende sei eine deutliche Entspannung in Sicht. Er erwartet für 2008 eine Inflationsrate von 3,0 Prozent und einen Rückgang auf 2,0 Prozent 2009. "Die EZB muss daher gegenüber Zweitrundeneffekten wachsam bleiben", sagte Kater am Mittwoch bei der Vorstellung der aktuellen VÖB-Prognose. Dem schloss sich auch IfW-Experte Scheide an. Wenn die Arbeitnehmer drei Prozent als Grundlage für neue Lohnforderungen nähmen, sei die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale sehr hoch.
Das schwache Wachstum in der Euro-Zone werde die EZB von Zinserhöhungen abhalten, prognostizierten Kater und seine Kollegen von DZ Bank, Helaba, HSH Nordbank, Nord/LB und WestLB, die alle im VÖB vereint sind. "Ich halte es für absurd, über Zinserhöhungen nachzudenken", sagte auch BHF-Chefvolkswirt Angenendt. "Wir sehen ja, dass die Konjunktur deutlich nachlässt." Das hätten auch die jüngsten Stimmungsindikatoren gezeigt.