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  Erfrischend FTD-Serie: Die Weltsicht der Zehntklässler

Im Geburtsjahr der FTD wurden die Schüler des Hamburger Hansa-Gymnasiums gerade eingeschult. Das Weltgeschehen betrachten sie aus einem ganz anderen Blickwinkel als Wirtschaftsjournalisten. Lesen Sie hier Beiträge aus der Jubiläumsausgabe der Jugendlichen.

Merken   Drucken   22.02.2010, 13:58 Schriftgröße: AAA

Interview: "Ich habe den Protest unterschätzt"

Wie Hamburgs grüne Bildungssenatorin Christa Goetsch versucht, Zehntklässler von ihrer Schulreform zu überzeugen. von Carlotta Bastian, Kaye Gummlich, Paul von Hatzfeldt, Esther Philipps, Marie Rau und Marion Schmidt
Der Weg zur Hamburger Schulbehörde führt durch eine Baustelle, ein Einkaufszentrum, in ein Hochhaus. Bildungssenatorin Christa Goetsch von der Grün-Alternativen Liste (GAL) empfängt in ihrem lichtdurchfluteten Büro im 16. Stock. Die fünf Schüler des Hansa-Gymnasiums Bergedorf, die zum Gespräch gekommen sind, sehen die Einführung einer sechsjährigen Primarschule in Hamburg skeptisch. Hinterher haben sie die Hände voll Infomaterial und finden: "Die ist ja eigentlich ganz nett."
FTD Wie sinnvoll ist überhaupt eine Primarschule? Wenn Kinder früh auf verschiedene Schulformen aufgeteilt werden, dann können sie doch besser gefördert werden.
Christa Goetsch erläutert Schülern, wie sie sich modernen ...   Christa Goetsch erläutert Schülern, wie sie sich modernen Unterricht vorstellt
Christa Goetsch Das werden sie ja gerade nicht. Durch das frühe Sortieren werden viel zu viele Kinder, die sich spät entwickeln oder die aufgrund ihrer sozialen Herkunft benachteiligt werden, nicht ans Gymnasium empfohlen - obwohl sie das Potenzial hätten. Das ist gerade in Hamburg extrem: Hier hängt die Entscheidung, ob ein Kind eine Gymnasialempfehlung bekommt, besonders stark von der Herkunft ab - und nicht von der Leistung. Wir müssen aber alle Talente ausschöpfen. Wir haben zu viele Abbrecher, zu wenig Abiturienten und im Vergleich zu anderen Industrieländern auch zu wenig leistungsstarke Schüler.
FTD Aber das wird sich doch nicht ändern, indem man die Grundschulzeit um zwei Jahre verlängert.
Goetsch Wir wollen ja nicht einfach die Grundschulzeit verlängern, sondern wir wollen ab der vierten Klasse Lehrer weiterführender Schulen einsetzen, um starke wie schwache Schüler besser und individueller zu fördern. Heute werden auch besonders begabte Schüler nicht genügend mit anspruchsvollen Aufgaben gefordert.
FTD Wie wollen Sie denn verhindern, dass einige Schüler unterfordert sind und andere überfordert?
Goetsch Wir wollen einen anderen Unterricht - einen Unterricht, der den Starken und Schwachen gerecht wird. Das heißt, nicht Unterricht für das mittlere Niveau und im Gleichschrittmarsch, nicht Frontalunterricht im 45-Minuten-Takt. Das wird keinem gerecht. Auch an den Gymnasien gibt es ja Schüler, die sind in einem Fach gut, in einem anderen weniger.
FTD Wie soll das konkret funktionieren: individuelles Lernen?
Goetsch Das muss nicht erst erfunden werden, sondern funktioniert an vielen Schulen in Hamburg schon. Man stellt unterschiedliche Aufgaben zu einem Thema und wendet unterschiedliche Arbeitsformen an, etwa in Teams oder Projekten. Ein Beispiel: Thema "Erneuerbare Energien". Da kann eine Gruppe Versuche durchführen, eine andere macht dazu eine Umfrage oder recherchiert in der Unibibliothek. Man kann einigen Schülern Aufgaben geben, andere können sich die Fragestellung selbst erarbeiten.
FTD Sind Sie sicher, dass starke und schwache Schüler überhaupt zusammen lernen wollen? Es könnte doch auch sein, dass die Schwachen sich gegenüber den Starken unsicher fühlen und zurückziehen.
Goetsch Da gibt es genau gegenteilige Erfahrungen. Ich habe das als Lehrerin selbst erlebt. Verschiedenheit ist förderlich für alle. Die Leistungsstarken werden nicht gebremst, die Schwachen profitieren, weil sie in einem anregenden Umfeld lernen.
FTD Gibt es eigentlich genug Lehrer, die dafür ausgebildet sind?

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  • Aus der FTD vom 22.02.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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