Christa Goetsch erläutert Schülern, wie sie sich modernen Unterricht vorstellt
Christa Goetsch Das werden sie ja gerade nicht. Durch das frühe Sortieren werden viel zu viele Kinder, die sich spät entwickeln oder die aufgrund ihrer sozialen Herkunft benachteiligt werden, nicht ans Gymnasium empfohlen - obwohl sie das Potenzial hätten. Das ist gerade in Hamburg extrem: Hier hängt die Entscheidung, ob ein Kind eine Gymnasialempfehlung bekommt, besonders stark von der Herkunft ab - und nicht von der Leistung. Wir müssen aber alle Talente ausschöpfen. Wir haben zu viele Abbrecher, zu wenig Abiturienten und im Vergleich zu anderen Industrieländern auch zu wenig leistungsstarke Schüler.
FTD Aber das wird sich doch nicht ändern, indem man die Grundschulzeit um zwei Jahre verlängert.
Goetsch Wir wollen ja nicht einfach die Grundschulzeit verlängern, sondern wir wollen ab der vierten Klasse Lehrer weiterführender Schulen einsetzen, um starke wie schwache Schüler besser und individueller zu fördern. Heute werden auch besonders begabte Schüler nicht genügend mit anspruchsvollen Aufgaben gefordert.
FTD Wie wollen Sie denn verhindern, dass einige Schüler unterfordert sind und andere überfordert?
Goetsch Wir wollen einen anderen Unterricht - einen Unterricht, der den Starken und Schwachen gerecht wird. Das heißt, nicht Unterricht für das mittlere Niveau und im Gleichschrittmarsch, nicht Frontalunterricht im 45-Minuten-Takt. Das wird keinem gerecht. Auch an den Gymnasien gibt es ja Schüler, die sind in einem Fach gut, in einem anderen weniger.
FTD Wie soll das konkret funktionieren: individuelles Lernen?