FTD Immerhin erreichen die Ostländer heute 70 Prozent des westdeutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) pro Kopf. Ist das nichts?
Sinn Mit der Angleichung ist es nicht so weit her, wie diese Zahl suggeriert. Erstens steckt da der künstlich aufgeblähte und teilweise mit Westgeld finanzierte Staatssektor drin. Zweitens wird die Angleichung beim BIP pro Kopf seit 1995 ausschließlich durch die massive Abwanderung der Ostdeutschen, also die Verringerung der Zahl der Köpfe, erzeugt. Das Wachstum des BIPs selbst war in dieser Zeit völlig gleich. Es gab keine wirkliche Konvergenz.
FTD Hat wenigstens die Privatisierung einigermaßen funktioniert?
Sinn Ich bedaure, dass nicht der Versuch gemacht wurde, Joint Ventures zwischen Treuhandanstalt und internationalen Investoren zu bilden, so ähnlich, wie das bei Skoda in Tschechien gelungen ist. Das hätte die Belegschaften in den Ostfirmen zusammengehalten. Im zweiten Schritt hätte man dann die Firmenanteile der Treuhand an die Ostdeutschen verteilen können - so wie es der Einigungsvertrag vorsah. Das hätte der Ausgleich für Lohnzurückhaltung sein können.
FTD War auch die massive Investitionsförderung ökonomisch falsch?
Sinn Die Förderung an sich war nach den lohnpolitischen Fehlentscheidungen alternativlos. Doch der Fehler war, nur den Kapitaleinsatz zu subventionieren. Damit hat man noch mehr Anreize geschaffen, Maschinen statt Menschen zu beschäftigen. Man hätte stattdessen die Lohnkosten subventionieren sollen, die waren ja zu hoch.
FTD 2006 bis 2008 ist die Schere zwischen Ost und West wieder größer geworden. Wie kriegen wir die Angleichung hin, wenn es schon im Aufschwung nicht klappt?