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Merken   Drucken   14.07.2011, 10:57 Schriftgröße: AAA

Interview mit Kohl-Biograf: "Hannelore war von ihren Söhnen bitter enttäuscht"

Exklusiv Der Journalist Heribert Schwan war ein enger Vertrauter Hannelore Kohls. Nun hat er ein Buch veröffentlicht über die Kanzlergattin - und das einsame Leben im Schatten ihres Mannes. Die Kohl-Söhne Walter und Peter werfen ihm vor, damit das Ansehen ihrer Mutter zu beschädigen. von Jens Tartler 
1985 lernte Heribert Schwan Hannelore Kohl kennen - er war der Erste, dem es gelang, die Kanzlergattin für ein Fernsehporträt zu gewinnen. Und obwohl sie tiefes Misstrauen hegte gegenüber Journalisten, vertraute sie sich Schwan mehr und mehr an. Dieser war Ende der 90er-Jahre häufig im Hause Kohl zu Gast war, da er den Ex-Kanzler bei der Erstellung seiner Memoiren unterstützte. Schwan begleitete Hannelore Kohl bei ihren nächtlichen Spaziergängen, hat stundenlange Gespräche mit ihr geführt, einen Blick hinter ihre Fassade werfen können. Seine Einblicke in das Leben der Frau, die sich vor knapp zehn Jahren das Leben nahm, sind nun unter dem Titel "Die Frau an seiner Seite – Leben und Leiden der Hannelore Kohl" erschienen. Ihren Söhnen war es nicht gelungen, das Buchprojekt zu stoppen.
FTD: Herr Schwan, wie erklären Sie sich die harten Angriffe der Söhne von Helmut Kohl auf Ihr Buch?
Heribert Schwan: Durch mein Buch ist die alleinige Deutungshoheit der Söhne über ihre Mutter für immer verloren gegangen. Ich hatte Hannelores Vertrauen, gerade in den letzten Monaten vor ihrem Tod. Wir haben zum Beispiel nachts lange Spaziergänge gemacht und dabei gesprochen. Davon wussten die Söhne so gut wie nichts. Außerdem haben sie in Teilen eine unredliche, legendenhafte Sicht auf die eigene Familie.
Wie meinen Sie das?
Schwan: Die Klage über die eigene Kindheit ist heuchlerisch. Die Söhne hatten doch auch Riesenvorteile durch ihre Herkunft. Insbesondere Hannelore hat alles dafür getan, dass sie zum Beispiel eine Eliteausbildung in den USA bekommen. Als Hannelores Fehler würde ich allerdings sehen, dass sie die Söhne zu völlig unpolitischen Menschen erzogen hat. Sie wollte offenbar den "Schmutz" der Politik von ihnen fernhalten.
Heribert Schwan, Journalist und Buchautor   Heribert Schwan, Journalist und Buchautor
Die Söhne werfen Ihnen vor, Hannelore Kohls Vertrauen missbraucht zu haben.
Schwan: Ich habe keinen Vertrauensbruch begangen. Hannelore hat mir ihr Leben in stundenlangen Gesprächen hingeblättert. Und sie wusste, dass ich kein Arzt bin, der der Schweigepflicht unterliegt. Ich hatte einen wissenschaftlichen und journalistischen Zugang zu ihr. Es war klar, dass ein Journalist publiziert. Die Söhne wollten mich später auch von meinem Buchprojekt abbringen. Das habe ich natürlich abgelehnt.
Die Söhne prangern auch an, dass Sie in ihrem Buch darüber schreiben, dass Hannelore Kohl als Zwölfjährige mehrfach von russischen Soldaten vergewaltigt wurde.
Schwan: Das hat sie mir und auch anderen Zeugen gesagt. Ich schreibe darüber, weil es das zentrale Trauma ihres Lebens ist. Es erklärt viele ihrer psychischen und physischen Probleme.
Sie melden auch starke Zweifel an, dass ihre Lichtallergie durch einen Fehler des damaligen Hausarztes verursacht wurde.
Schwan: Ja. Die Einnahme des Penizillins, auf das Hannelore höchst allergisch reagierte, war vermutlich der erste Selbstmordversuch. Das war 1993. Um den Suizidversuch zu vertuschen, wurde die Schuld auf den Hausarzt geschoben, der bis heute sehr darunter leidet.
2001 hat sie sich dann umgebracht. Was waren die Gründe?
Schwan: Da gibt es mehrere. Sie hatte eine schwere Depression, die sie hinter der Lichtallergie versteckt hat. Dann hat sie enorm unter der Spendenaffäre gelitten, die Helmut Kohl der CDU und seiner Familie eingebrockt hat. Hannelore war fassungslos, dass ihr Haus durchsucht und die Bilanzen ihrer ZNS-Stiftung überprüft werden sollten. Sie war sehr einsam, weil ihr Mann andauernd in Berlin war, um sich in der Spendenaffäre zu verteidigen.
Nach Hannelores Tod hat Helmut Kohl nicht nur getrauert, er hatte auch ein schlechtes Gewissen?
Schwan: Ja, sehr. Er hatte sie in den letzten Monaten ziemlich im Stich gelassen. Und er hatte eine Liebschaft in Berlin. Das war auch Hannelore nicht verborgen geblieben. Und es hat sie sehr verletzt.
Waren ihre Söhne denn eine Stütze für Hannelore Kohl?
Schwan: Nein, im Gegenteil. Der Kontakt war sehr schlecht. Hannelore war von ihren Söhnen bitter enttäuscht. Ihr Enkelkind hat sie nicht mehr gesehen, weil die Eltern der Meinung waren, der Aufenthalt in dem abgedunkelten Bungalow in Oggersheim sei dem Kind nicht zuzumuten. Wenn sie Geschenke für den Jungen geschickt hat, bekam sie monatelang keine Antwort. Das alles hat sie nicht verwunden.
  • Aus der FTD vom 14.07.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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