Rudolf Havenstein ist vielen Menschen heute kein Begriff mehr. Dabei hat der studierte Jurist länger als alle anderen deutschen Geldpolitiker eine Zentralbank geführt. Von 1900 bis 1908 stand der hagere Herr mit Spitzbart der Preußischen Staatsbank vor. Anschließend war der Spross einer Beamtenfamilie aus Posen bis zu seinem Tod am 20. November 1923 Präsident der Reichsbank.
In Deutschlands Wirtschaftsgeschichte ging Havenstein aber ein als derjenige, unter dessen Präsidentschaft es in der von Schulden und Reparationszahlungen geplagten Weimarer Republik zu einer beispiellosen Geldentwertung kam. Am Ende hatten viele Angehörige der Mittelschicht ihr gesamtes Geldvermögen verloren.
Historiker sehen in dieser Massenenteignung einen Grund dafür, dass viele Deutsche später so empfänglich waren für Adolf Hitler und die Nazihetze. Schwarzweißfotos, auf denen Menschen Schubkarren mit wertlosen Geldscheinen schieben, haben sich bis heute ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt.
Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Bank deutscher Länder und später die Bundesbank gegründet wurden, schworen die Geldpolitiker: Nie wieder! Unabhängigkeit und die kompromisslose Verpflichtung auf Preisstabilität sollten verhindern, dass Währung und Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik von unverantwortlichen Politikern zerstört werden würden. Die Bundesbank ist stolz darauf, die D-Mark bis zu deren Aufgehen im Euro zu einer der stabilsten Währungen weltweit gemacht zu haben.
Um so mehr schmerzt es Bundesbankpräsident Jens Weidmann, nun in eine Reihe mit Hyperinflationär Havenstein gestellt zu werden. "Inflations-Alarm!", titelte die "Bild"-Zeitung am Freitag in fetten Lettern. "Bundesbank weicht den Euro auf - Wie schnell wird unser Geld jetzt aufgefressen?", fragte das Massenblatt. Zur Illustration wählte die Boulevardzeitung eine Reichsbanknote vom 1. November 1923, auf der in dicker Frakturschrift "Eine Billion Mark" zu lesen ist, darunter etwas kleiner: "1000 Milliarden". Das ist der Betrag, mit dem die Europäische Zentralbank (EZB) - wenngleich in Euro - die darbenden Banken der Währungsunion in den vergangenen Monaten mit Liquidität versorgt hat. 1923 konnte man mit einer Billion Mark gerade mal ein paar Laibe Brot kaufen.
Weidmann empören solche Parallelen, er geht in die Offensive. "Eine absurde Diskussion", schimpft er in der "Süddeutschen Zeitung". "Die Inflation läuft nicht aus dem Ruder." Hintergrund der Panikkampagne ist die Ankündigung der Bundesbank, dass die Teuerungsrate in Deutschland als Folge der Euro-Krise kurz- bis mittelfristig leicht über den EZB-Zielwert von knapp 2,0 Prozent steigen dürfte. Experten gehen davon aus, dass die Preissteigerung in Deutschland aber unter 3,0 Prozent bleiben wird. Das Statistische Bundesamt sagte am Freitag, im April habe die deutsche Teuerungsrate bei 2,1 Prozent gelegen - Hyperinflation sieht anders aus.
Doch der Bundesbankchef weiß: Die Inflationsschlagzeile im größten deutschen Boulevardblatt zerstört mehr Vertrauen, als er mit öffentlichen Beschwichtigungen je wieder zurückgewinnen kann.