Noch nie stand die Koalition so knapp vor dem Kollaps wie an diesem Sonntagnachmittag im Ringen um Gauck. Und verantwortlich dafür ist ausgerechnet der Mann, der seit seinem Aufstieg zum Parteivorsitzenden vor knapp einem Jahr von den meisten Vertretern des Regierungsbündnisses bestenfalls mitleidig belächelt wird. Denn der Vizekanzler hatte die Kanzlerin vor aller Augen derart in die Enge getrieben, dass sie seinen Favoriten Gauck schließlich zum Kandidaten für das Präsidentenamt ausrufen musste.
"Es gab in den vergangenen Monaten immer wieder die Frage: Bei welchem Thema können wir auch mal einen harten Konflikt riskieren, wo können wir unsere Eigenständigkeit demonstrieren", sagt ein Parteistratege. Aber nie habe es eine Gelegenheit gegeben, stets hätte am Ende die FDP schlecht dagestanden. "Bis zum Freitag und dem Rücktritt Wulffs. Da war klar: Hier können wir es riskieren, hier haben wir die besseren Karten."
Es ist genau diese Schmach, vom kleinen Koalitionspartner ausgespielt worden zu sein, die bei der Union noch am Montag die Gemüter erhitzt. "Was die FDP gemacht hat, das läuft nur ein einziges Mal", warnt der baden-württembergische CDU-Landeschef Thomas Strobl. "Ein zweites Mal wird das nicht funktionieren."
Viele in der Union sind so empört über die Dreistigkeit des Koalitionspartners, der ihnen Gauck aufgezwungen hat, dass sie sich schon Gelegenheiten ausmalen, wie sie es der FDP heimzahlen könnten. Vielleicht gelänge es CDU und CSU, die Liberalen im Dauerstreit über die Vorratsdatenspeicherung auszutricksen. Oder im Konflikt um die Finanztransaktionsteuer? "Wir sind auf einem Tiefpunkt angekommen", heißt es in der Spitze der Unionsbundestagsfraktion.
An anderer Stelle in der Union wird auch Kritik am Einlenken der Kanzlerin laut. "Angela Merkel hätte Röslers Beharren auf Gauck als nächsten Bundespräsidenten nicht nachgeben dürfen", sagt ein Spitzenmann der CDU. "Wenn so etwas den Liberalen einmal gelingt, versuchen sie es wieder."
Auch Merkel ist schwer verärgert über Rösler. Aber über ihre Mitstreiter lässt sie ausrichten, dass sie kühlen Kopf bewahre. "Merkel legt das ad acta", heißt es im Beraterkreis der Kanzlerin. Fest steht aber, dass die Verwerfungen künftige Kompromissverhandlungen zwischen Merkel und Rösler erheblich erschweren dürften. Denn Merkel wird sorgfältig darauf achten, in künftigen Auseinandersetzungen auf anderen Streitfeldern wie etwa der Steuerpolitik nicht wieder als die Nachgiebige dazustehen.