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Merken   Drucken   23.09.2012, 16:54 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Andreas Theyssen - Lasst Euch nicht benutzen, Muslime

Die Wut der islamischen Welt über den Mohammed-Film ist berechtigt. Doch die Entrüsteten sollten sich Gedanken machen, ob sie sich nicht am Nasenring herumführen lassen.
© Bild: 2012 DPA/Khaled Elfiqi
Die Wut der islamischen Welt über den Mohammed-Film ist berechtigt. Doch die Entrüsteten sollten sich Gedanken machen, ob sie sich nicht am Nasenring herumführen lassen.

Andreas Theyssen leitet das Politikressort der FTD. Er schreibt jeden zweiten Montag an dieser Stelle. Was braucht es, um die Welt in Brand zu setzen? Einen Flammenwerfer? Napalm? Die Atombombe? Nichts davon, es geht viel einfacher. Man benötigt nur ein paar Karikaturen, ein Buch oder auch ein paar Filmszenen. Ihr einziger Inhalt: die Verhöhnung des islamischen Propheten Mohammed. Und sobald publik wird, dass es solche Karikaturen/Bücher/Filme gibt, gehen die Menschen zwischen Islamabad und Sanaa, zwischen Jakarta und Tunis auf die Straßen, brennen Botschaften, sterben Diplomaten. So einfach ist das.

So war es einst bei Salman Rushdies Buch "Satanische Verse", so war es bei den dänischen Mohammed-Karikaturen, und so passiert es derzeit wegen des sogenannten Mohammed-Videos.

Und weil es bei solchen Anlässen auch in der freien Welt des Westens immer wieder Medien, Rechtspopulisten oder Selbstdarsteller gibt, die gern noch eine Schippe drauflegen, hat man binnen kürzester Zeit das Gefühl, in einen Kulturkampf zwischen Muslimen und Christen geraten zu sein.

Wenn man diesen Mechanismus einmal kapiert hat - was nicht sonderlich schwer ist -, dann lässt er sich wie eine Waffe benutzen. Zum Beispiel um die friedliche Koexistenz von islamischer und westlicher Welt zu zerstören. Und genau dies scheint jemand im Fall des aktuellen Mohammed-Videos zielgerichtet getan zu haben. Denn dieser Fall wirft einfach zu viele Fragen, weist zu viele Ungereimtheiten auf.

Die islamische Welt und der Westen haben in letzter Zeit recht gut miteinander gekonnt. Das Dauerkonfliktthema Palästina war in den Hintergrund gerückt, die amerikanische Irak-Invasion samt Abu Ghraib und Guantánamo war zwar nicht vergeben, aber fast vergessen. Überlagert worden war all dies durch den Umstand, dass der Westen die Arabellion fast von Anfang an unterstützt hatte, in Libyen sogar mit Bomben und Cruise-Missiles. Überlagert worden war es aber auch durch die Furcht der arabischen Anrainerstaaten vor dem iranischen Atomprogramm.

Andreas Theyssen leitet das Politikressort der FTD   Andreas Theyssen leitet das Politikressort der FTD

Zerstört wurde diese Harmonie, als das unsägliche Mohammed-Video im Internet auftauchte und den Muslime-entrüstet-euch-Mechanismus in Gang setzte. Vor lauter Empörung auf beiden Seiten ist indes das Augenmerk für die Genesis dieses Machwerks abhandengekommen.

Produziert wurde der Film mit dem Titel "Die Unschuld der Muslime" in den USA. Die Darsteller sind Schauspielprofis, die professionell gecastet wurden, angelockt mit einem fingierten Drehbuch; ihre Dialoge wurden nachträglich synchronisiert, um dem Machwerk seinen islamfeindlichen Inhalt zu verpassen. Das alles ist relativ aufwendig.

Produziert und ins Internet gestellt haben soll den Film ein Mann mit dem Pseudonym Sam Bacile, angeblich ein koptischer Christ, der in den USA lebt. Aufgefallen war er bis dato lediglich als Bankbetrüger, der auch im Knast gesessen hat. Wie aber passt es zusammen, dass ein Mann mit solch einer Karriere einen relativ professionell aufgezogenen Film produziert? Die Antwort: Da passt gar nichts zusammen.

In dem Film, vom dem bislang nur ein 14-minütiger Auszug bekannt ist, wird der Prophet Mohammed unter anderem als Don Juan, Schwuler und Kinderschänder dargestellt. Dass niemand gleichzeitig ein Schürzenjäger und homosexuell sein kann, ist offensichtlich. Ebenso offensichtlich ist, dass dieser Film allein das Ziel verfolgt, den Propheten herabzuwürdigen und die religiösen Gefühle der Muslime zu verletzen.

Das Ganze wirkt, als habe jemand ganz bewusst diesen Film produziert, um Muslime in Rage zu bringen. Es wirkt, als habe dieser Jemand zudem "Sam Bacile" als Strohmann engagiert, der zunächst als jüdischer Israeli, dann als koptischer Ägypter auftrat, der in den USA lebt. Diese Kombination reichte, um die Wut der Muslime gegen Israel, die Juden, die koptischen Christen in Ägypten und die Vereinigten Staaten zu richten.

Es ist zu viel auf einmal, und genau das lässt den ganzen Film so aufgesetzt wirken, so strategisch geplant.

Es gibt genügend Akteure, die in der Lage sind, solch einen Film, der rund 60.000 Dollar gekostet haben soll, zu produzieren und auch einen Strohmann zu finden, der ihn verbreitet. Und es gibt genügend Akteure, die auch ein Motiv haben, die islamische Welt mit solchen Methoden gegen den Westen aufzubringen.

Das syrische Regime hat sich schon die Entrüstung über die Mohammed-Karikaturen zunutzegemacht und Proteste vor ausländischen Botschaften organisiert. Heute hätte Diktator Baschar al-Assad genügend Grund, davon abzulenken, dass er gerade sein eigenes Volk abschlachtet. Das Mullahregime in Teheran hätte Anlass, mittels des Mohammed-Videos Verbündete gegen den Westen im Atomstreit zu rekrutieren. Und Al-Kaida-Gruppen, die in der Vergangenheit schon durch relativ professionelle Propagandavideos von sich reden machten, hätten genügend Gründe, auf diese Weise Muslime gegen den Westen aufzuhetzen.

Es mag sein, dass dies Verschwörungstheorien sind. Es mag sein, dass hinter dem Mohammed-Film tatsächlich "nur" ein paar durchgeknallte Islamhasser stecken, die sich ihren Furor viel Geld kosten lassen. Fest steht aber, dass die ganze Inszenierung nur funktioniert, weil es in der ganzen Welt genügend Muslime gibt, die sich von Karikaturen/Büchern/Filmen dazu verleiten lassen, gewalttätig dagegen zu protestieren. Und die nicht in der Lage sind, zu differenzieren zwischen den Urhebern solcher Machwerke und den Staaten, in denen sie leben.

Ein Papst, der ein deutsches Satiremagazin verklagt, weil es ihn in gelb gefleckter Soutane zeigt, macht sich lächerlich; der Stellvertreter Gottes auf Erden sollte über solchen Geschmacklosigkeiten stehen. Genauso lächerlich machen sich Muslime, die wegen eines blasphemischen Filmes Botschaften oder amerikanische Hühnerbratfilialen abfackeln. Denn sie zeigen, wie wenig Eigenständigkeit sie haben, dass sie sich zum Teil einer willenlosen Herde machen, dass sie sich von Provokateuren bereitwillig am Nasenring durch die Welt führen lassen. Seid Euch zu fein dazu. Lasst Euch nicht benutzen, Muslime.

  • Aus der FTD vom 24.09.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 24.09.2012 17:01:18 Uhr   Richard Pfaff: Es lebt sich sehr gut mit antisemitische Musl...

    "Diese Kombination reichte, um die Wut der Muslime gegen Israel, die Juden, die koptischen Christen in Ägypten und die Vereinigten Staaten zu richten. " Interessant. Das seit Jahren Juden, Bahai und Christen in muslimischen Ländern unterdrückt u. verfolgt werden ist Nebensache, man ignoriert es einfach mal so. Zur Koptenverfolgung in Ägypten sagt man keine Silbe.
    Noch interessarnter der Satz:

    "Die islamische Welt und der Westen haben in letzter Zeit recht gut miteinander gekonnt"
    Ich frage mich. ob dem Autor nicht bewusst ist, dass aufgrund des militanten Antisemitismus (jahrhundertlange Tradition, man muss sich nur ein wenig informieren!! ) vieler Muslimen in Berlin, Schulen in Berlin inzwischen - dh seit 20 Jahren "Judenrein" sind. Derzeit fliehen die letzten Juden aus Norwegen u. Schweden, die jüdische Gemeinde in Antwerpen flieht ebenfalls - vor dem radikalen Antisemitismus vieler Muslimen. So langsam wird Europa "Judenrein" - Schweden u. Norwegen sind es bereits, Juden werden in Frankreich regelrecht aufgefordert das Land zu verlassen. Dieses Jahr gab es alleine bereits 240 plus gewalttätige muslimische antisemitsche Übergriffe in Frankreich, jüngst wurde ein jüdischer Junge fast todgeschlagen weil er ein Magen David trug - die Presse schweigt, die FTD auch, nur bei Toten kommt evt eine Meldung. Evt. aber findet der Autor dies vollkommen okay - man schaut ja gerne zu u. teilt evt sogar die Gesinnung. Das Christen keine Kirchen oder Konten in der Turkei bestitzen dürfen u. Andersgläubige regelrecht in Saudi Arabien usw verfolgt werden ist dem Autor auch egal - "es lebt sich gut zusammen". Das wöchentlich muslimische Mädchen in Frankfurt am Main vor ihren Familien fliehen (Zwangsehe), ist dem Autor auch egal, vermutlich finder er so etwas gut oder wie ist seien Bemerkung zu verstehen?
    Ja, die Muslime täten gut daran sich nicht wegen einen lächerlichen Film provozieren zu lassen, jedoch in einer Weltanschauung die viele islamische Strömungne teilen, gibt es keinen Raum für Kritik. Und die übrigen, die schweigen, machen mit.

  • 24.09.2012 15:54:13 Uhr   aliquote: Andreas Theyssen - Lasst Euch nicht benutzen,...
  • 24.09.2012 10:07:55 Uhr   Politiker: Palästina
  • 24.09.2012 09:52:53 Uhr   Anastasius: Das gab es schonmal
  • 24.09.2012 08:59:21 Uhr   Marco Müller: moderate Muslime
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