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Merken   Drucken   04.12.2011, 21:00 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Andreas Theyssen - Nur keine Euro-Panik  

Premium Die halbe Welt wundert sich, wie gelassen ausgerechnet wir sonst so ängstlichen Deutschen mit der Währungskrise umgehen. Dabei haben wir genügend Gründe, ruhig zu bleiben.
Die wichtigsten Akteure der Euro-Krise sind ...

 

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Stellen Sie sich vor, es ist Weltuntergang - und keiner hat Angst. Undenkbar, glauben Sie? Doch so etwas gibt es, wenn auch in dezent abgewandelter Form. Europa taumelt in den Abgrund, Volkswirtschaften rutschen in den Orkus, Regierungen stürzen, Staatsanleihen - das Grundnahrungsmittel eines jeden Staates - werden zu Ladenhütern, Banken bekommen keine Dollar und vergeben keine Kredite mehr, Zeitungen schreiben von Euro-Armageddon und -Apokalypse - und die Deutschen bleiben ziemlich ruhig, Euro hin, Euro her. 55 Prozent von ihnen, sorry: von uns geben laut ARD-Deutschlandtrend an, dass sie von der Euro-Krise persönlich nicht betroffen sind. Der Konsum brummt, wir shoppen, was das Zeug hält, und die "New York Times" schreibt bereits anerkennend über die "German Lässigkeit".

Spinnen wir Deutschen? Erkennen wir den Ernst der Lage nicht? Sind wir, die jahrzehntelang zu den eher Ängstlichen der Welt zählten, mit einem Mal zu fatalistischen Hedonisten mutiert? Nö, mitnichten. Wir haben nur genügend Gründe, an der Euro-Krise nicht zu verzweifeln. Genau genommen fünf Gründe.

Erinnern Sie sich noch an die letzte Weltwirtschaftskrise, jene, die vom Zusammenbruch der Lehman-Bank ausgelöst wurde? Alle Welt bibberte, zu Hunderttausenden verloren die Menschen ihre Jobs. Nur Deutschland blieb ruhig. Jobmäßig gepolstert durch ein fettes Kurzarbeiterprogramm, waren wir damit beschäftigt, uns neue Autos zu kaufen; die Abwrackprämie machte es möglich.

Und wenn nun wieder alles in den Orkus fällt, dann können wir sicher sein: Es gibt dann sattes Kurzarbeitergeld und bestimmt auch wieder eine hübsche Prämie vom Bund, zum Kauf eines Laptops etwa, eines Bügelautomaten oder eines solarturbogetriebenen Latte-macchiato-Milchschäumers.

Europa verflucht die eiserne Lady aus dem Berliner Kanzleramt. Mit uckermärkischer Dickschädeligkeit drückt sie Resteuropa ihren Willen auf. Wir geben nix, solange ihr nicht spart, ist ihre Devise. Und damit kommt sie durch.

Wir Deutschen können uns über die Irritation der Resteuropäer nur amüsieren. Denn wir kennen unsere Angela. Das Mäuschen aus dem Osten, für das man sie lange hielt, hat ihren Mentor, den ewigen Kanzler Helmut Kohl, erledigt, dazu die parteiinternen Konkurrenten Wolfgang Schäuble und Fritze Merz. Eine Frau mit derlei Qualitäten schafft im Alleingang nicht nur die übrige EU, sondern auch alle Euro-Spekulanten dieser Welt.

Wir Deutschen waren so dämlich, uns im vergangenen Jahrhundert gleich zweimal mit der ganzen Welt anzulegen. Und haben dafür kräftig die Hucke vollbekommen. In vieler Hinsicht, sei es in Sachen Demokratie, sei es in Sachen Minderheitenrechte, haben wir unsere Lektion gelernt. Aber die Unerschrockenheit ist geblieben. Wer sich gleichzeitig mit den Heeren von Russland, Amerika und Großbritannien angelegt hat, den können ein paar Euro-Spekulanten und südeuropäische Schuldenmacher nicht schrecken.

Wie sollen wir uns mit dem Euro-Generve befassen, gar Angst davor haben, obwohl es eine viel gravierendere Euro-Krise gibt? Irgendein Dödel hat uns für die Fußballeuropameisterschaft in eine Hammergruppe mit Holland, Portugal und Dänemark gelost. Dagegen sind klaffende Italien-Spreads ein Kinderspiel, jedes Sparpaket ist im Vergleich eine Petitesse. Die Holländer haben wir zwar neulich deutlich gedippt, aber die sind immer für eine Überraschung gut. Die Portugiesen haben einen Cristiano Ronaldo, und ob unser Holger Badstuber dem gewachsen ist ... Dann sind da auch noch diese unberechenbaren Dänen, die genau das machen, was Klinsi und Jogi den Unsrigen immer eingebimst haben: Die Mannschaft ist der Star. Da kann einem wirklich angst und bange werden.

Keine drei Wochen mehr bis Heiligabend - und uns fehlen noch jede Menge Geschenke. Und das ist ein wahrhaft gigantisches Problem. Wo finden wir einen halbwegs bezahlbaren Star-Wars-Bausatz, den der Junior noch nicht hat? Welches Brilli-Halsband würde die Partnerin goutieren? Was schenken wir der pubertierenden Nichte, was ihren drei Orgelpfeifenbrüdern? Ist die Kaffeeröster-Heizdecke ein adäquates Präsent für die Schwester, die uns dieses Jahr den Hintern gerettet hat? Und dann ist da noch die Mutter mit großen Ansprüchen und kleiner Wohnung.

Was also kümmert uns der Euro? Ab Heiligabend haben wir eh keinen mehr übrig.

Andreas Theyssen leitet das Politikressort der FTD. Er schreibt jeden zweiten Montag an dieser Stelle.

  • Aus der FTD vom 05.12.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 05.12.2011 09:17:03 Uhr   oakeshott: Ironie?

    Meinen Sie das ernst oder ist das eine Glosse? Ich befürchte, Sie meinen es wirklich ernst ...

  • 04.12.2011 22:27:21 Uhr   abata: nie Angst gehabt
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