Der Kulturkampf der 70er und frühen 80er ist lange vorbei, sollte man meinen. Ist er nicht, wie der Blick auf die Hamburger Bürgerinitiative gegen die Einführung einer sechsjährigen ersten Schulstufe zeigt. Dort hat die CDU - wie in anderen Bundesländern - nach Jahrzehnten endlich die weltweite wissenschaftliche Erkenntnis akzeptiert, dass möglichst langes gemeinsames Lernen für die Gesellschaft bessere Ergebnisse bringt. Schwarz-Grün in Hamburg stand geradezu symbolisch für diese Entwicklung. Und nun wenden sich die eigenen bürgerlichen Wähler, darunter auch viele Grüne, gegen das Projekt. In jeder bildungspolitischen Rede und jedem Parteiprogramm wird die mangelnde Durchlässigkeit des Bildungssystems beklagt. Wird etwas dagegen getan, wollen die, auf die es ankommt, aber plötzlich nicht mehr. Und ganz schnell finden sich politische und publizistische Unterstützer, die einen Freiheitsverlust für einen Teil der Bevölkerung beklagen, obwohl es eigentlich um Freiheitsgewinn für alle geht.
Gespart werden soll woanders
Das kann man nur Doppelmoral nennen. In den bürgerlichen Mittelschichten wird mangelnde Integration von Ausländerkindern beklagt, das schlechte Bildungsniveau, die Verlotterung in den unteren Schichten. Aber muss man deshalb die Migrantenkinder länger als in der Grundschule ertragen? Soll der Sohn der Rechtsanwaltsfamilie nach dem mäßig abgeschlossenen Jurastudium Sachbearbeiter werden, weil das koreanische Mädchen von nebenan den besseren Abschluss hat? Nein, da boxen wir unseren Kindern doch lieber den Platz auf dem Sonnendeck des Bildungssystems frei und halten die bildungsfernen Schichten auch bildungsfern. Und wenn die staatliche Schule nicht gut genug ist: Katholische Privatschulen nehmen auch Kinder von Sozialdemokraten auf.
Die Doppelmoral beschränkt sich nicht auf die Bildungspolitik. Bei Umwelt und Klima ist es so ähnlich. Man kauft im Bioladen und bestellt Ökostrom, aber reist weiter munter durch die Gegend (der Autor ist auch so ein Fall). Zuständig sind halt die anderen: Bei der Bildung die Politik und die Lehrer, beim Klima die Energiekonzerne und die Industrie, die USA und China. Selbst in der Finanz- und Steuerpolitik gibt es diesen inneren Widerspruch: Alle wissen, dass der Staat kein Geld hat, aber trotzdem hätte man netto gern etwas mehr in der Tasche. Gespart werden kann ja auch woanders.