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Merken   Drucken   03.09.2010, 11:00 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Peter Ehrlich - Guttenbergs halbe Revolution  

Weil alle Nachbarn Freunde sind, braucht Deutschland kein Massen-, sondern ein Profimilitär. Die geplante Aussetzung der Wehrpflicht kann deshalb nur ein erster Schritt hin zu einer europäischen Armee sein. von Peter Ehrlich 
Die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht wäre eine Revolution, wenn sie nicht schon schleichend stattgefunden hätte. Trotzdem kommt Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg die Rolle des Revolutionärs von oben zu, der ein überkommenes Symbol des Nationalstaats abschafft. Dass das offizielle Ende der Wehrpflicht, wie immer die Einzelheiten aussehen mögen, die meisten Bürger nicht mehr sonderlich erregt, schmälert nicht die Bedeutung des Vorgangs.
Meist wird im Zusammenhang mit der Wehrpflicht die Rolle der Bundeswehr seit 1955 diskutiert, als zehn Jahre nach der endgültigen Niederlage der Wehrmacht ein Neuanfang mit einer "demokratische Armee" gestartet wurde, zum Leitbild wurde später der "Bürger in Uniform". Aber der Höhepunkt der Wehrpflicht liegt vor rund 100 Jahren. Die allgemeine Wehrpflicht ist ein Produkt der europäischen Nationalstaaten, die in ihrer modernen Form erst im 18. und 19. Jahrhundert entstanden sind. Anfang des vergangenen Jahrhunderts war das deutsche Heer das entscheidende Symbol des Kaiserreichs, das Volk und Führungsschicht miteinander verband. Selbst Kritiker der herrschenden Klasse wie die Sozialdemokraten stellten sich 1914 nicht klar gegen den beginnenden Krieg. Der Pazifismus wurde erst im Verlauf des Ersten Weltkriegs zur Massenbewegung gegen das sinnlose Abschlachten.
Ein Symbol fällt
Der Philosoph Elias Canetti hat in seinem 1960 erschienenen Buch "Masse und Macht" das Heer als das "Massensymbol" der 1870/71 geeinten deutschen Nation beschrieben. Das Heer vereinte Menschen aus unterschiedlichen Landesteilen und sozialen Gruppen. Im August 1914 zog die große Mehrheit der deutschen (Männer) willig, ja geradezu begeistert in einen der größten Kriege, den die Menschheit erlebt hat. "Der Glaube an die allgemeine Wehrpflicht, die Überzeugung von ihrem tieferen Sinn, die Ehrfurcht vor ihr reichten weiter als die traditionellen Religionen, er erfasste Katholiken so gut wie Protestanten", schrieb Canetti.

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