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Merken   Drucken   02.12.2011, 11:00 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Thomas Fricke - Merkel stalkt Europa ins Desaster

Die Kanzlerin versucht seit zwei Jahren, die Märkte mit immer neuen Pakten und herrischen Spardiktaten (für andere) zu besänftigen. Jetzt droht der Kollaps. Eine deutsche Tragödie. von Thomas Fricke 
Zwei Jahre haben die Deutschen jede griechische Steuererklärung verfolgt. Jetzt spricht viel dafür, dass aus der Krise ein Kollaps zu werden droht. Und im Land macht sich Krisenmüdigkeit breit, will's keiner mehr wissen, hört man trotzige Gelassenheit.
Dabei gäbe es für die Deutschen Anlass aufzuschreien. Was gerade krachend zu scheitern droht, ist der Kurs von Kanzlerin und Bundesbank, die Finanzmärkte durch immer neue Stabilitätspakte, Regeln und Spardiktate (für andere) zu besänftigen - ohne dass dies den Hauch eines Erfolgs hatte. Im Gegenteil. Es bleiben womöglich nur Tage, um die Kanzlerin wachzurütteln. Sonst droht es eine deutsche Tragödie zu werden: das Abgleiten sehenden Auges in eine richtige Jahrhundertkrise.
Ein Kollaps auf Abruf
Um die Märkte zu beruhigen, mussten Griechen, Iren, Portugiesen und Spanier unbestritten rabiate Sparpakete durchziehen. Die Italiener haben seit Juli drei nachgelegt. Die Franzosen machten präventiv zwei. In der Zeit verschärfte die Kanzlerin den Stabilitätspakt, diktierte einen Plus-Pakt und lässt alle Staatshaushalte jetzt in Brüssel prüfen, bevor sie in die nationalen Parlamente gehen. Auf jedem Gipfel eine neue Idee. Ach ja: Schuldenbremsen! Was die Ersten artig umsetzen.
Mär vom schludernden Europäer   Mär vom schludernden Europäer
Zur Marktbesänftigung wurde Italiens Ministerpräsident wegbewegt - und vom "deutschesten Italiener" Mario Monti ersetzt. Weg musste der Grieche, der so frech war, sein Volk fragen zu wollen. Alles, wie Frau Merkel es wollte. Und wegen der Märkte.
Ergebnis: Seit Montis Antritt ist Italiens Risikoprämie keinen Deut gefallen. Heute sind mehr Länder vom Krisensog erfasst als vor Merkels gut gemeintem Brimborium; jetzt ist mehr von Pleite die Rede als davor. Und das Ende vom Euro gilt als möglich. Herzlichen Glückwunsch.
Nun kann man sagen: war halt immer noch nicht genug. Na ja. Wie würden Sie reagieren, wenn Sie einer/einem Angebeteten zu gefallen versuchen, sich schick machen, Treueverträge entwerfen, Nulldiät machen - und die/der zeigt sich nach zwei Jahren noch komplett unbeeindruckt. Da würden Sie irgendwann sagen, dass es vielleicht auch nichts bringt, sich jetzt noch, sagen wir, liften zu lassen.
Bei Frau Merkel ist das (im übertragenen Sinn) anders: Die will uns jetzt via EU-Vertragsänderung liften, damit die Märkte doch noch in Liebe dahinschmelzen. Was allmählich stabilitätspolitischem Stalking nahekommt. Wahrscheinlich kommt als Nächstes, dass alle Euro-Christen die deutsche Stabilitätskultur als elftes Gebot aufnehmen oder die Bibel stabilitätspolitisch ergänzen müssen.

Teil 2: Hier beginnt die deutsche Tragödie

  • Aus der FTD vom 02.12.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 05.12.2011 09:54:51 Uhr   Philosoph: Zerfall der Eurozone kaum aufzuhalten

    Der Kommentar von Prof. Bolz (S.30) wird durch die Kolumne von Prof. Fricke unmittelbar bestätigt. Wer versteht denn das gezerre um den Euro noch? Die Ökonomen eher nicht, weil auch die Nobelpreisträger im August eingestehen mussten, dass sie die Finanzmärkte nicht durchschauen können. Das beweist Fricke eindrucksvoll.
    Wenn man sehen will, wohin die Herde in Panik rennt, darf man nicht in der Staubwolke am Rande stehen. Schon in der ersten Etage des Nachbarhauses hat man genug Überblick, die Herde und deren Richtung zu erkennen. Wer verschafft sich diesen Überblick und klärt die Leser auf? Gute Frage; Keine Antwort!
    Es muss nicht auf cui bono verwiesen werden um zu erkennen, dass die Finanzmärkte ein Kräftemessen mit der Politik ausfechten. In diesem Kräftemessen hat verloren, wer zuerst zuckt. Ganz selbstverständlich bauen Finanzmärkte Druck auf die Politik auf, in der Hoffnung, dass dieser Druck für die Politiker unerträglich wird und diese einknicken. Immer mehr Politiker wollen den Finanzmärkten schon jetzt nachgeben. Nur die Eiserne Lady weigert sich (noch).
    Was würde es denn bedeuten, wenn Deutschland der Forderung des polnischen Außenministers nachgeben würde? Der deutsche Anteil wäre 770 Mrd. Euro. Die deutsche Staatsschuldenquote stiege auf 105 Prozent. Aber das ist erst der Anfang. Glaubt denn jemand, dass die Märkte dann Ruhe geben würden? Warum sollten diese das tun?
    Die Politik wird die Finanzmärkte daran gewöhnen müssen, dass die Staaten (Steuerzahler) nicht die Risiken der Märkte tragen können.
    Heute steht der Euro im Mittelpunkt der medialen Auseinandersetzung. Nach dem Jahresabschluss wird abgerechnet, ob die Spekulationen aufgegangen sind. Viele Anleger werden dann Verluste beklagen. Wie werden sie sich verhalten? Werden sie weiter der Finanzmarktherde folgen? Was passiert, wenn sie das nicht mehr hinnehmen? Ein Bankenrun zerstört viele Markteilnehmer. In der folgenden Rezession werden ganze Staaten ins Chaos gestürzt. Diese produktive Zerstörung wird wohl unumgänglich sein, wenn der Kapitalismus sich reorganisieren will.
    Schon in wenigen Wochen werden die Märkte ein neues Ziel finden, die USA. Wie sollen dort ausgeglichene Bundeshaushalte erreicht werden? Ganz zu schweigen von den Zinsen. Die wirtschaftliche und politische Führungsmacht steht zur Disposition. Im angelsächsischen Raum haben die Deutschen über 1100 Mrd. Euro angelegt. Auch 50 Prozent Schuldenschnitt verkraften die deutschen Banken nicht. Der Steuerzahler kann sie nicht retten, weil die Banken bei ihrer Rettung selbst keine Steuern zahlen. Die Folgen kann sich jeder selbst ausmalen. Aufklärung durch Medien braucht nicht erwartet werden, siehe Kommentar.

  • 04.12.2011 22:30:00 Uhr   John Doe: @c-nes
  • 04.12.2011 17:05:33 Uhr   Alfred: Merkel handelt richtig
  • 03.12.2011 22:37:06 Uhr   c-nes: der Keynesianische Fricke
  • 03.12.2011 14:45:15 Uhr   Willie_Esco: @ RenRaba
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