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Merken   Drucken   18.03.2011, 10:19 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Thomas Fricke - Sonderfall Rezession

Nach großen Schocks wie der Katastrophe in Japan kursieren rasch Sorgen über globale ökonomische Ansteckung und Crashs, von denen fast alle am Ende ausblieben. Fast alle. von Thomas Fricke 
Experten sind am meisten gefragt, wenn sie am wenigsten wissen. Zumindest nach Katastrophen wie der, die seit einer Woche Japan und die Welt schockiert - und bei der niemand recht weiß, was noch passiert, weder Physiker noch Ökonomen.
Lichtblicke Kleine Wunder in riesigen Katastrophen
Das Reaktionsmuster ist trotzdem immer ähnlich, ob nach Erdbeben, Wirbelstürmen oder Terroranschlägen wie 2001: Früher oder später kursieren Szenarien darüber, was die menschliche Tragödie wirtschaftlich bedeutet. Für die betroffene Region. Und für die Weltwirtschaft. Da findet sich meist dann auch ein Experte, der die globale Rezession "nicht ausschließt". Wegen der Verflechtung.
Solche Szenarien wirken im ersten Moment plausibel, stehen allerdings in Widerspruch dazu, was in aller Regel folgt, so zynisch das wirkt: Es gab in den vergangenen Jahrzehnten so gut wie keine noch so schlimme Natur- oder Menschenkatastrophe, die das Wirtschaftsleben mehr als ein paar Wochen beeinträchtigt hat - erst recht nicht auf globaler Ebene. Fragt sich eher, warum - und ob - es Ausnahmen gibt, die auf Japans Atombeben diesmal doch zutreffen könnten.
Konkunkturell vernachlässigbare Katastophen...   Konkunkturell vernachlässigbare Katastophen...
Nach dem Atom-GAU von Tschernobyl herrschte im Frühjahr 1986 Alarm bis nach Deutschland. Was die Deutschen nicht abhielt, in diesen Atomwochen wie seit Jahren nicht zu deklarieren, dass die Zeit prima sei für größere Anschaffungen. Beim Beben von Kobe starben im Januar 1995 mehr als 6000 Menschen, ein Desaster - was dazu führte, dass Japans Industrieproduktion in dem Monat zwar um 2,6 Prozent zum Dezember fiel, schon im März aber wieder Vorbebenniveau erreichte.
Ähnliches gilt für den Hurrikan "Katrina". Und den Tsunami, der Ende 2004 Asien traf. In Thailand sank die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal 2005 - um danach sofort wieder rasant zu wachsen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sackte laut Umfragen die Konjunkturstimmung weltweit drastisch, was wochenlang Rezessionangst nährte. Es passierte das Gegenteil. Die US-Wirtschaft beendete im vierten Quartal die (vorher begonnene) Rezession.
Jetzt ließe sich der Befund von den glimpflichen wirtschaftlichen Folgen relativieren durch die Art, wie Statistiker das erfassen: Was die Katastrophen an Menschenleben und Gebäuden vernichten, wird definitionsbedingt nicht vom Bruttoinlandsprodukt abgezogen (was auch etwas makaber wäre). Der Wiederaufbau steigert die gemessene Leistung aber.
Dass das Desaster regelmäßig überschätzt wird, hat aber noch andere Gründe. Gängige Schadenschätzungen gehen immer davon aus, dass der Wachstumsverlust etwa dem entspricht, was die zerstörte Region vorher erwirtschaftete. Viele Unternehmen betreiben aber mehrere Werke, die nicht alle betroffen und selten alle ausgelastet sind. Und es gibt selbst bei hoch spezialisierten Maschinenbauern immer auch Konkurrenten, die in der Krise einspringen.
Dazu kommt, dass Regierung wie Notenbank auf drohende Abstürze reagieren - und so einen Teil der Katastrophenfolgen schon wettmachen. Nach dem 11. September senkten die Notenbanken ihre Zinsen, und es gab Konjunkturpakete. Außerdem ist mancher Übertragungskanal doch nicht so globalisiert, wie es die gefühlte Globalisierung vermuten lässt. Zwar reihen sich Kurstrends an den Börsen rasch aneinander. Reine Aktiencrashs wie im Oktober 1987 lassen aber vermuten, dass die realwirtschaftlichen Folgen reiner Kursabstürze eher gering sind - weil die Betreffenden in der Regel keine, sagen wir, Hartz-IV-Empfänger sind und wegen eines Kurssturzes nicht gleich ihr Auto verkaufen. Selbst dem New-Economy-Crash folgte nur eine relativ mickrige US-Rezession.

Teil 2: Lehman schockiert Taiwan

  • Aus der FTD vom 18.03.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 18.03.2011 17:17:23 Uhr   Mariposa: Sehr gut Herr Fricke

    Vielen Dank, dass Sie etwas Luft aus dem ganzen Thema nehmen. Die Weltwirtschaft ist eben nicht so einfach. Naturkatastrophen haben nach den ersten Schockerlebnissen meist zu Aufschwuengen gefuehrt, weil wieder aufgebaut werden musste und weil eben nicht alles zerstoert war. Ohne genaue Kenntnis der Sachlage schwafeln viele sogenannte Experten schon von der Unbewohnbarkeit Japans. Wenn sich all die Panikwolken gelegt haben, wird man ein genaues Schadensbild der japanischen Wirtschaft haben und ich sage voraus, es wird bei weitem nicht so schlimm aussehen wie vorhergesagt. Eine globale Energieverknappung mit exorbitanten Preissteigerungen, kombiniert mit rasant steigendem Zinsniveau, haette weitaus schlimmere Folgen fuer die Weltwirtschaft.

  • 18.03.2011 14:02:21 Uhr   Alexander Illi: Urvertrauen
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