FTD.de » Politik » Deutschland » Ulrike Sosalla - Transparenz muss ihre Grenzen haben

Merken   Drucken   24.09.2011, 10:00 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Ulrike Sosalla - Transparenz muss ihre Grenzen haben

Kommentar Transparenz ist das neue Ideal der Gutmenschen. Diese gute Idee allein bringt uns allerdings keinen Schritt weiter. Viel wichtiger ist, wo die Grenzen liegen. von Ulrike Sosalla 
Transparenz, das klingt schon so gut, so angenehm luftig. Nach großen Fenstern, lichtdurchfluteten Räumen mit hohen Decken, hellen Farben. Wenn nur alles transparent wäre, wäre die Welt besser. Oder so ähnlich.
Ulrike Sosalla ist stellvertretende Leiterin des Politikressorts   Ulrike Sosalla ist stellvertretende Leiterin des Politikressorts
Das neue Modewort kommt so unverdächtig gutwillig daher, dass es sich für fast jeden Zweck eignet. Die Piratenpartei, die vergangenes Wochenende in Berlin neun Prozent holte, führt es ganz vorn in der Liste ihrer Forderungen an eine neue Politik. Abgeordnete, die über die Euro-Rettung mosern, beklagen - was wohl - fehlende Transparenz. Und Heiner Geißler fordert für politische Großprojekte die totale Offenheit.
Da gehen bei mir die Alarmglocken an. Wenn so viele so unterschiedliche Menschen das Gleiche wollen, muss die Sache einen Haken haben.
Was Piraten und den Minister verbindet
Den hat sie auch, einen großen sogar: Die meisten der tapferen Streiter meinen mit Transparenz immer nur die Geheimnisse der anderen. Rein menschlich völlig verständlich. Ich finde Offenbarungen meiner Mitmenschen auch dann am spannendsten, wenn ich meine eigenen abgründigen Verderbtheiten für mich behalten kann.
Besonders anschaulich mal wieder: die Berliner Piratenpartei. Mit der Forderung nach durchsichtiger Politik zogen sie als 15 Menschen starke Fraktion erstmals ins Abgeordnetenhaus ein. Vor der Wahl waren alle 15 für öffentliche Fraktionssitzungen. Nach der Wahl sind sich einige nun nicht mehr ganz so sicher, ob das so eine gute Idee ist.
Auf der anderen Seite des politischen Spektrums sieht es genauso aus, allerdings im größeren Stil. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich ist ein großer Freund der Transparenz - jedenfalls solange es um Bürger und Wähler geht. Von denen möchte er gern per Vorratsdatenspeicherung wissen, wer sich wann wo mit wem fernmündlich unterhalten hat, was er so auf seinem Bankkonto treibt und, ganz handgreiflich am Flughafen, was er unter seiner Wäsche trägt.
So viel Einblicksmöglichkeiten würde man sich als Bürger auch vom Minister und den ihm unterstellten Geheimdiensten wünschen. Allerdings, wenn ich es mir so recht überlege, nicht um den Preis von Vorratsdatenspeicherung und Fluggastdatenübermittlung. Das will ich dann doch lieber für mich behalten. Oder?
Im Privatleben ist die Sache mit der Transparenz einfacher: Wenn mein Nachbar wissen will, was ich verdiene, sein eigenes Gehalt aber nicht verraten will, bin ich selbst schuld, wenn ich nicht schnell das Thema wechsle. Schwieriger wird's dann schon im Büro. Mein Chef weiß zwar, was ich verdiene, umgekehrt bin ich aber auf Mutmaßungen angewiesen (Soso, schon wieder eine neue Uhr, feines Gerät, das). Es gibt aber durchaus Dinge, bei denen dem Chef allzu neugierige Nachfragen per Gesetz untersagt sind: zum Gesundheitszustand etwa.

Teil 2: Grenzen der Transparenz

  • FTD.de, 24.09.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 26.09.2011 14:22:40 Uhr   uschi-fan: Transparenz: Quotursula und Kristina

    Transparenz und Frauenquote: wenn "Quotursula" ( früher "Zensursula") in kurzer Zeit 40 Prozent Frauen in den Führungspositionen der Industrie durchsetzen will und nun "Quoten-Kristina" mit Gesetzesdrohungen nachlegt, dann herrscht endlich Transparenz in den männlichen Führungsriegen -- die Männer transparieren zu 40 Prozent in die SB- Ebene..... und der DAX transpariert zum langersehnten Bodenbildungswert....dann sind Quotursula und Kristina zufrieden !

  • 25.09.2011 15:56:21 Uhr   Sven: Grenzen dieser Transparenz
  • 24.09.2011 14:27:46 Uhr   Strichnid: Punktabzug
  • 24.09.2011 12:57:35 Uhr   Alexander Illi: Transparenz = Ehrlichkeit
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