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Merken   Drucken   01.12.2011, 21:30 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Ulrike Sosalla - Wir oder ihr  

Premium Jena statt Pisa: Der Schock über den Terror von rechts zeigt, dass wir ein anderes Verhältnis zu unseren Einwanderern brauchen.

Das Bemerkenswerte an der Debatte über den Rechtsterror ist, welche Dinge überhaupt bemerkenswert sind. Diese Woche überschrieb die große konservative Tageszeitung der Republik ihre erste Seite mit der bahnbrechenden Tatsache, dass Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich mit Muslims gesprochen habe. Dass man das überraschend genug finden kann, um es seinen Lesern an prominenter Stelle mitteilen zu müssen, ist in der Tat äußerst bemerkenswert.

Und entlarvend. Es zeigt, wie die gesamte Geschichte des Jenaer Terrortrios, wie Deutschland und seine Einwanderer im Jahr 2011 stehen, immerhin 50 Jahre nachdem die ersten Züge mit arbeitswilligen Türken in deutsche Bahnhöfe einrollten: vor allem auf verschiedenen Seiten.

Es gibt Deutsche und andere

Durch die ganze Zuwanderungs- und Integrationsdebatte zieht sich - von konservativer Seite, aber nicht nur von dort - als Grundton immer dieses Entweder-Oder: "Wir oder ihr". Das Motiv wird in vielen Variationen gespielt, doch die Grundmelodie geht so: Es gibt Deutsche, und es gibt andere, und dazwischen gibt es nichts. Dass genau das im Deutschland des Jahres 2011 nicht mehr stimmt, das sollten wir aus dem Terrorschock lernen. Und dann die Politik machen, die sich aus dieser Erkenntnis ergibt.

Beispiel Doppelpass: Vehement weigert sich die Union, Kindern von Migranten zwei Pässe zuzugestehen, den deutschen und den ihrer Eltern. Anders übrigens als Kinder aus binationalen Ehen, sie dürfen beide Pässe auch nach dem 21. Geburtstag behalten. Der Zwang zur Entscheidung verkürzt die Debatte auf den Gegensatz zwischen Deutschland und dem Rest der Welt. Wer zu denen da draußen gehört, kann nicht zu uns gehören, und wenn er noch so sehr mit (und zwischen) beiden Kulturen aufgewachsen ist. Was in diesem Denken nicht vorkommt, sind junge Menschen, die ihre Identität in beiden Kulturen suchen und finden und die es als Zurückweisung empfinden, eine davon aufgeben zu sollen.

Beispiel Deutschpflicht: Es stimmt ja, dass Kinder, die zu Hause die Sprache ihrer Eltern sprechen, besser deutsch lernen, wenn sie das außer Haus möglichst oft hören. Leider lenkt der stereotype Ruf nach einer Deutschpflicht auf Schulhöfen oder sonst wo vom eigentlichen Problem ab, den Ghettos nämlich, in denen zu viele Einwanderer leben und in denen straßenzügeweise kaum noch Deutsch gesprochen wird (und worüber nicht alle im Land so furchtbar traurig sind, immerhin verstopfen "die" dann nicht die anderen Stadtteile). Die einseitige Betonung auf dem Deutschlernen dagegen schafft einen unnötigen Konflikt, denn wer in zwei Kulturen zu Hause ist (siehe oben), der drückt das natürlich auch in zwei Sprachen aus. Das richtige Rezept gegen den Ghetto-Nachteil hieße, Kids in ihrer Muttersprache und in Deutsch intensiv zu unterrichten - denn gegen Mischen und falsche Grammatik hilft nur, beide Sprachen zu durchschauen.

Beispiel Islamskepsis: Hier schlägt das Schwarz-Weiß-Denken besonders hart zu. "Ihr" seid Muslime und daher tendenziell bildungsfern, wenn nicht gar gewaltbereit. Das trennt, wo es mit gemäßigten Muslims und zugewanderten Atheisten (auch die gibt es, oh ja) doch viel Verbindendes gäbe.

Teil 2: Grundmotiv: "Wir oder ihr"

  • Aus der FTD vom 02.12.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland
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