FTD.de » Politik » Deutschland » Von Buttlar - Kommt, lasst uns leben

Merken   Drucken   23.08.2009, 19:34 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Von Buttlar - Kommt, lasst uns leben  

Als Eltern sind wir hysterisch, als Männer schwächlich, als Frauen überfordert. Weil uns dauernd erzählt wird, wie wir sind - und meistens heißt das: unzulänglich. von Horst von Buttlar
Es ist nicht einfach, in einem Land zu leben, in dem dir an jedem Kiosk erzählt wird, wie blöd du doch bist. Okay, wohldosiert ist das auszuhalten, das ist nun mal Teil des Medienzirkus und -zyklus. Einmal im Quartal eine Frauen-, Männer-, Single-, Eltern-, Mütter- und Vätergeschichte oder eine über die Generation Dingsbums gehört zu Deutschland wie die Magazintitel über Hitlers Frauen, Hitlers Generäle oder Hitlers Strümpfe.
Sie sind das, was der Klaps auf den Kinderpopo ist: schadet nicht, aber nicht zu oft und zu doll. Es gibt eben nichts Schöneres im Journalismus als Strömungen, und die Faustformel für das "Immer mehr x machen y" lautet: Ein Beispiel ist ein Schicksal. Zwei Beispiele sind zwei Schicksale. Drei Beispiele sind ein Trend.
Die vergangenen Wochen waren aber ganz schön heftig, so übertrieben, dass man entnervt ausrufen möchte: Jetzt macht mal halblang! So schlimm sind wir doch auch nicht. Und überhaupt: Gibt es dieses "Wir"?
Zeitgleich orgelten der "Spiegel" und die "Zeit" in Titelgeschichten los, wie unentspannt und überbesorgt die heutigen Eltern sind. These: Um Kinder werde viel zu viel Bohei gemacht, viel zu viele Therapien, Medikamente, Kurse, Ratgeber - und nicht jedes schlecht erzogene Kind, das Theater macht, sei sofort hochbegabt.
Kurze Zeit darauf knöpfte sich der "Stern" den modernen Mann vor, respektive "das Märchen", das über ihn verbreitet wird. Er kümmert sich nämlich immer noch nicht um seine Kinder. Und nach zwei Monaten Wickelvolontariat ist er heilfroh, sich wieder ins Büro zu verdrücken, anstatt zu Hause ständig überfordert zu sein.
Und die Frau? Sie gebar mal wieder nicht genug. Nur 8,3 Geburten je 1000 Einwohner und 1,37 pro Weib. Nein, diese Frauen!

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  • Aus der FTD vom 24.08.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 03.10.2009 21:58:28 Uhr   Melanie Gatzke: Verlorene Normalität.

    Da hat der gute Man sogar mal recht mit seiner Erkenntnis.
    Allerdings sind es doch die Medien, die sich auf jeden Pfurz stürzen wie die
    Asgeier auf ein gefundenes Fressen.
    Jeder" Möchtergern" jeder Halbwissender und Gschaftlhuber kann heute eine Weisheit zum Besten geben und alles wird hochbrisant diskutiert bis zum ergötzen.
    Wir sind irgendwie alle seltsam verrückt geworden. Wenn das auf die Kinder übertragen wird, dann braucht sich keiner mehr zu wundern, dass fast jedes fünfte Kind mittlerweile Therapie braucht, das zigtausende Kinder Ritalin bekommen um überhaupt wieder zur Ruhe zu kommen.
    Besser wäre ein völlig normales Leben, toben Sport und Bewegung. Dann klappt es auch wieder mit der Konzentration in der Schule.
    Was ist da bloß alles für ein Unsinn unterwegs.l
    Und die Presse spielt mit - feuert an, schreibt sich die Finger wund, nur um aktuell zu sein.
    Über Sinn und Unsinn von manchen Beiträgen macht sich keiner mehr Gedanken, Hauptsache die Schlagzeile stimmt. Was kommt nicht alles für Blödsinn am Fernsehen- immer zur besten Sendezeit. Kein Wunder, dass alles so ist , wie es ist. Eine verrückte Gesellschaft, abseits jeder Normalität.
    Viele sind doch nur noch Getriebene - getrieben vom Zeitgeist und deren Rädlsführern und den endlosen Forderungen, Warnungen vor allem und jedem
    und überhaupt......
    Hier nebenbei ein Wort zum Sonntag: Lebt wieder stinknormal-
    In diesem Sinne-" lasst uns leben".

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