Horst von Buttlar ist Ressortleiter Agenda der FTD. Am Anfang dieses Jahres, in dem sich sehr viel um Transparenz drehen würde, saß ich in einem Kaff im tiefen Niedersachsen, vor mir Zigarilloqualm, ein doppelter Espresso und das ruhende Gesicht von Heinz Rudolf Kunze. Wir sprachen über Christian Wulff, mit dem Kunze befreundet ist, - und der Liedermacher verteidigte den Nochpräsidenten. "Dieses Wühlen, dieses Tribunal ist schon typisch deutsch." Am Ende des Gesprächs sagte er: "In einem halben Jahr werden die Deutschen zurückblicken und in der Affäre nur eins sehen: ein Lehrstück über den Wahnsinn falsch verstandener Transparenz."
Dieser Satz kam mir in der vergangenen Woche gleich zweimal in den Sinn, auch wenn die Fälle ganz anders gelagert sind: Einmal, als mir nackte Poolschönheiten auf Websites entgegenlächelten, mit denen die Details der Ergo-Lustreisen bebildert wurden. Und das zweite Mal, als ein genervter Peer Steinbrück im ZDF saß und den Moderatoren Peter Frey und Bettina Schausten zu erklären versuchte, warum er seine Steuererklärung nicht veröffentlichen will. (Er hätte Frau Schausten fragen sollen, ob sie ihre Steuererklärung veröffentlicht.)
Kunze hat nicht recht behalten: Heute ist vor allem die Erleichterung bei jedem Auftritt Joachim Gaucks zu spüren, die Ära Wulff erscheint wie ein Spuk in Schloss Bellevue. Gelernt haben wir überhaupt nichts. Gleichwohl ist Kunzes Satz richtig: Unser Begriff von "Transparenz" ist diffus, hysterisch überfrachtet, auch unehrlich. Er folgt keinen Regeln, außer der heftigen Attacke, die an Schlachtrufe alkoholisierter Pauschalreisender gemahnt: "Ausziehen! Ausziehen!"
Nehmen wir Ergo: Die Transparenzoffensive war ein mutiger, ja für Konzerne fast singulärer Schritt. "Wir haben verstanden" , verkündete Ergo-Chef Torsten Oletzky kleinlaut, "dass wir unseren eigenen Ansprüchen an eine transparente Kommunikation nicht in allen Punkten gerecht geworden sind." Danach listete Ergo im Internet in der Unterrubrik "Fehlverhalten" detailliert die Übertritte der Mitarbeiter auf, es war sozusagen ein "Best of Lustreisen" aus erster Hand.
Die bevorzugte Form der Rezeption war - natürlich - das genüssliche Ausschlachten der Details. Endlich hatte das transparenzhungrige Volk alle Belege, vom Sünder direkt. Und wer sich die Fotos, mit denen der Sexreport medial illustriert wurde, anschaute, kam nicht umhin zu bedauern, nicht selbst bei der Sause in Budapest dabei gewesen zu sein.
In diesem Moment offenbarte sich das eigentliche Wesen des Transparenzwahns: Es geht den Jägern oft gar nicht um Aufklärung, sondern um die Befriedigung niederer Instinkte: Voyeurismus, Neugier, Schadenfreude.
Ähnlich verhält es sich seit einigen Tagen mit Peer Steinbrück. Seit der ehemalige Finanzminister Kanzlerkandidat der SPD ist, interessieren sich plötzlich alle für seine Nebeneinkünfte. Die meisten wussten, dass Steinbrück seit zwei Jahren Deutschland und der Welt - etwas zu besserwisserisch und penetrant - die Finanzkrise erklärt. Nun fallen viele aus allen Wolken, dass er dafür Geld bekommt. Und zwar pro Auftritt ein Vielfaches von dem, was ein Normalverdiener im Monat bekommt (dieser Vergleich zum Normalverdiener ist in Deutschland ungeheuer wichtig).
Mehr zu: Peer Steinbrück, Transparenz
Steinbrück hatte bisher alle Megahonorare offengelegt im Rahmen der Transparenz, der vorgeschrieben ist: Abgeordnete müssen ihre Nebentätigkeit nicht auf den Euro genau angeben, sondern in drei Stufen. Die letzte Stufe drei bedeutet "mehr als 7000 Euro", und Steinbrück scheint so klasse gewesen zu sein, dass er fast ausschließlich in dieser Stufe verdient hat. Kompliment! Warum also stört das plötzlich so viele?
Weil das angeblich nicht transparent genug ist. Also wollen die Aufklärer am liebsten wissen, wie viel denn "mehr als 7000" Euro genau ist; wie viel bei seinen mehr als 80 Vorträgen herumgekommen ist oder, am besten, wie viel er insgesamt verdient hat. Her mit der Steuererklärung! Bald wird der Erste fragen, ob es im Anschluss an Steinbrücks Rede Häppchen gab und wie viele er gegessen hat.
Zu Recht hat sich Steinbrück gewehrt, auch wenn er jetzt in die Offensive gegangen ist, sämtliche Informationen zu seinen Honoraren offenlegen will - und das auch von anderen fordert. Es gibt gute Argumente, die Offenlegungspflichten für Abgeordnete zu verfeinern. Doch nur eine Maxime sollte uns dabei leiten: Gerät der Politiker durch seine Nebentätigkeit in ein Abhängigkeitsverhältnis; wird er in der Ausübung seines Mandats beeinflusst, vernachlässigt er es oder - im Extremfall - wird er dadurch käuflich? Darum aber geht es bei Steinbrück nicht. Es geht in einigen Fällen allenfalls um Fingerspitzengefühl und nötige Distanz.
Im Kern aber soll er im Namen der Transparenz beschädigt werden - und der niedere Instinkt, über den der Angriff gespielt wird, ist Neid.
Die eigentliche Frage, die im Fall Steinbrück interessant wäre, ist doch die, ob er die 7000 plus Euro überhaupt wert ist - wie er es in drei Jahren geschafft hat, diese Marke Steinbrück aufzubauen, die vom Mythos eines einzigen Bildes lebt, das auch seine Fehlentscheidungen überstrahlt: als er 2008 mit Angela Merkel den Deutschen die Spareinlagen garantierte.
Wir sollten misstrauischer sein, mit welchen Motiven die Transparenzkämpfer ihre Aufklärungsfeldzüge tatsächlich führen. Zu viel ist in diesem Jahr bei diesen heftigen Schlachten schon kaputtgegangen.
Wir schreien nach Transparenz. Warum eigentlich? Und wozu? Reicht es uns wirklich, zu wissen, was er wann gemacht oder verdient hat? Oder geht es uns nicht wirklich um etwas ganz anderes? Nehmen wir Herrn Steinbrück. Was passiert denn, wenn wir alle bis auf den letzten Cent genau wissen, wie seine Einkünfte aussehen? Sind wir dann zufrieden, die wir nach Transparenz schreien? Wohl eher nicht. Denn dann wird aus dem "Was hat er bekommen?" ein "Wieso hat er das bekommen?" Dem folgt dann ein "Wieso bekomme ich eigentlich nicht auch so etwas?“. OK, einige werden vielleicht eher ein fadenscheiniges "Darf der das?" in den Raum werfen. Andere ein konkretes "Das darf der aber nicht?" Dumm nur: Doch, der darf das. Bis jetzt jedenfalls. Ergo (wie passend) sollte man nicht auf das Vergangene schauen, sondern auf das Zukünftige. Und sich lediglich fragen: Was muss bzw. kann wie geändert werden? Dazu jedoch brauche ich jedenfalls keine cent-genaue Aufrechnung. Keine nackten Tatsachen, keine blanke Transparenz. Für alle, die das anderes sehen, noch ein kleiner Tipp (in dankbarer Anlehnung an eine großartige JvM Kampagne): Neid und Missgunst gibt's z.B. schon für 129,- € am Tag beim nächsten Autovermieter um die Ecke.