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Merken   Drucken   12.05.2011, 21:14 Schriftgröße: AAA

Kopf des Tages: Alexander Graf Lambsdorff - Der Außenstürmer

Otto Graf Lambsdorffs Neffe will Chef der FDP im Europaparlament werden. Parteigenossen trauen dem gewieften Diplomaten noch höhere Weihen zu. von Claus Hecking  Brüssel
Seine Herkunft steht ihm ins Gesicht geschrieben. Die großen Augen mit den buschigen Brauen, die hohe Stirn, dieselbe markante Mundpartie - die Ähnlichkeit des FDP-Europaabgeordneten zu seinem berühmten Onkel Otto ist frappierend. Nur die Tränensäcke fehlen. Noch. Er ist ja erst 44. Kein Wunder also, dass Alexander Sebastian Léonce Freiherr von der Wenge Graf Lambsdorff ständig nach dem verstorbenen "Count Otto" gefragt wird, wenn der außenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion mal wieder durch die Welt tourt.
Alexander Graf Lambsdorff   Alexander Graf Lambsdorff
Im seinem Revier, dem Straßburger Parlament, ist der Junior-Graf bereits selbst eine Nummer: stellvertretender Fraktionschef der europäischen Liberalen. Deren Wortführer, wenn es um die internationale Politik geht. Nun soll seine große Stunde schlagen. Lambsdorff kandidiert für die Nachfolge der zurückgetretenen Silvana Koch-Mehrin als Chef der FDP-Delegation - und damit auch um deren Sitz im Parteipräsidium. Möglicherweise beerbt er die bisherige Vizepräsidentin des EU-Parlaments auch in diesem Amt.
Vorausgesetzt, ihm kommt nicht Berlin dazwischen. Denn wenn in Parteizirkeln über einen möglichen Ersatz für den angeschlagenen Außenminister Guido Westerwelle  debattiert wird, fällt immer wieder der Name des Bonners. "Mich wundert, dass Lambsdorff als Nachfolgekandidat in deutschen Medien so selten auftaucht", wundert sich ein Insider. "Er bringt alles mit, um diesen Job auszufüllen."
Das Auswärtige Amt kennt Lambsdorff wie kaum ein anderer FDP-Politiker. Hier hat er sich nach dem Studium der Europäischen Geschichte zum Diplomaten ausbilden lassen. Hier hat er acht Jahre Karriere gemacht: im Planungsstab, in der Botschaft Washington, schließlich als Länderbeauftragter für Russland. Zwischendrin leitete er das Büro des ehemaligen Außenministers Klaus Kinkel. Dann übermannte ihn die Leidenschaft für die Politik: Nach der Europawahl 2004 brach er gen Straßburg auf, "um in Europa für liberale Politik zu kämpfen", wie er sagt.
Im Parlament stieg Lambsdorff genauso schnell auf wie zuvor als Diplomat. Dreimal hat die EU den fünfsprachigen Politiker schon zum Leiter von Wahlbeobachtungsmissionen erkoren. In seiner Fraktion gilt er sowieso als unverzichtbar. "Koch-Mehrin war eine hübsche Galionsfigur", heißt es aus Parlamentskreisen. "Aber wenn es um harte Politik ging, war Lambsdorff schon lange die Spinne im Netz der deutschen Liberalen."
Da hat sich er einiges abgeschaut von seinem verstorbenen Oheim. Ebenso wie der "gelbe Graf" ist auch Alexander exzellent verdrahtet, weit über die eigene Partei hinaus. Er sitzt genauso lässig und freundlich lächelnd auf seinem Platz, wenn ihn politische Gegner attackieren. Und er ist fast schon ein ebenso angriffslustiger Redner wie der langjährige Wirtschaftsminister. "Mein Onkel hat mir beigebracht, klare Ansagen zu machen", sagt er.
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Auch Alexander ist ein mit allen Wassern gewaschener Politprofi. Von Westerwelle hat er sich zuletzt immer weiter distanziert, je schwächer dessen Position wurde. So kritisiert Lambsdorff den Beschluss des Außenministers, sich bei der Libyen-Abstimmung im Uno-Sicherheitsrat zu enthalten, mittlerweile bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Anders als früher würde Westerwelle ihn heute wohl kaum noch als "sympathisch" charakterisieren.
Ambitionen auf dessen Posten weist Lambsdorff entschieden zurück. "Diese Frage stellt sich nicht", sagt er knapp. Danach schweigt er. So hat das Otto Graf Lambsdorff früher auch gelegentlich gemacht. Dann, wenn es wirklich spannend wurde.
  • Aus der FTD vom 13.05.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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