Kopf des Tages:Carl-Ludwig Thiele - Der Anti-Sarrazin
Mit Carl-Ludwig Thiele heuert erneut ein Politiker bei der Bundesbank an. Anders als sein künftiger Kollege Thilo Sarrazin von der SPD ist Thiele parteipolitisch voll auf Linie: Er ist beseelt von der FDP-Idee des schlanken Staats. von Timo Pache und Kai Schöneberg
Seit dem Einzug von Thilo Sarrazin in den Vorstand der Bundesbank ist es Brauch, dass alle paar Wochen die Bundesbank mit eher finanzmarktfremden Themen in die Schlagzeilen gerät. Erst am Montag war es mal wieder so weit. Da riet der frühere Finanzsenator Berlins Langzeitarbeitslosen, häufiger kalt zu duschen, um im Leben voranzukommen. Und einen Wissenschaftler, der seine früheren Äußerungen über Araber und Türken in Berlin als "rassistisch" eingestuft hatte, schimpfte der SPD-Mann einen "Afterwissenschaftler".
Carl-Ludwig Thiele (FDP)
Man könnte also einiges erwarten, wenn mit Carl-Ludwig Thiele Anfang Mai erneut ein profilierter Politiker in der Chefetage der Bundesbank anheuert. Das Bundeskabinett nominierte den langjährigen Finanzexperten der FDP am Mittwoch offiziell, vorbehaltlich einer erfolgreichen Anhörung bei der Bundesbank. Der 56-Jährige soll die Nachfolge von Hans Georg Fabritius antreten, seine Amtszeit soll über acht Jahre laufen.
Schlagzeilenträchtige Ausflüge ins Allgemeinpolitische sind von Thiele in der neuen Funktion allerdings kaum zu erwarten. Er ist schlechthin der personifizierte Gegensatz zu Sarrazin. Profilierte sich der eine in der Regel gegen die große SPD-Linie, kann der andere getrost als Prototyp des zeitgemäßen Liberalen gelten: beflissen, freundlich, stets tadellos gekleidet, überaus kommunikativ und durch und durch beseelt von der liberalen Sache - was in Thieles Fall vor allem Steuersenkungen und eine Beschneidung des Staates bedeutet.
Thiele befasst sich seit seiner ersten Wahl in den Bundestag 1990 mit den Staatsfinanzen. Zunächst als Haushälter, ab 1994 als Finanzpolitiker. Schnell spricht sich sein Talent rum und genau so schnell sein Selbstbewusstsein und sein Ehrgeiz. Er mag die Medienpräsenz, ruft selbst in Redaktionen an, um seine Sicht der Welt zu erklären - zur Not auch unaufgefordert. Das handelt ihm mitunter Spott und Häme ein, Thiele ficht das aber nicht an. Er macht weiter Karriere. 2002 rückt er zum Fraktionsvize auf. Zwar steht er immer im Schatten von Hermann Otto Solms, der nach außen die Parteilinie bestimmt. Aber intern dominiert Thiele die Debatten, was Fraktionskollegen durchaus frustriert. Neben Solms und Thiele gibt es in der Finanz- und Steuerpolitik der FDP lange Zeit keinen Platz.
Nicht nur die Karriere des Politikers, auch das Privatleben des Rechtsanwalts aus Osnabrück geht als vorbildlich durch: verheiratet, fünf Kinder, viel Sport (Joggen, Basketball, Tennis), Spaziergänge mit dem Hund und ab und an ein kleiner Kulturgenuss, Kino, ein Konzert, Ballett oder der Anblick einer schönen Skulptur von Henry Moore - das sind seine privaten Vorlieben. Dennoch - oder gerade deshalb - landete er regelmäßig auf der Liste der "zehn nervigsten Niedersachsen" der Landeskorrespondenten, hinter Margot Käßmann und Heinz Rudolf Kunze. Man darf gespannt sein, wie Sarrazin und Thiele harmonieren werden.
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