Kopf des Tages:Dieter Graumann - Mit jedem im Clinch
Der 59-Jährige ist der Favorit auf die Nachfolge von Charlotte Knobloch an der Spitze des Zentralrats der Juden in Deutschland. Der Vizepräsident ist anders als Knobloch kein Freund der Diplomatie. Er teilt gern aus.
von Stefan Tillmann
Er hat einfach geschwiegen. Abgewartet, wie Unbekannte und Ungenannte Charlotte Knobloch, 77, kritisierten, die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland - seine Chefin. Knobloch gab sich zunächst kämpferisch, doch am Sonntag gab sie auf, erklärte ihren Rückzug. Im November wird sie nicht noch mal kandidieren. Und der schweigende Dieter Graumann, ihr Stellvertreter, gilt als der Favorit für ihre Nachfolge.
Dieter Graumann strebt die Nachfolge der Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, von Charlotte Knobloch, an
Knobloch hatte seit ihrer Wahl 2006 einige Probleme mit den drei Männern unter sich, ihren Stellvertretern Graumann und Salomon Korn sowie dem Generalsekretär Stephan Kramer. Mal ging es um die Piusbrüder, mal um Thilo Sarrazin, mal um die gemeinsame Israelreise mit Guido Westerwelle.
"Den Vertreter der Möllemann-Partei umarmen, ohne eine politische Gegenleistung zu erhalten, das geht nicht", sagte damals ein Ungenannter. Und Michel Friedman, der auch mal Zentralratsvize war, sagte, das Präsidium habe sich "kollektiv ins Abseits manövriert".
Graumann kommt wie Friedman aus Frankfurt am Main. Er war anderthalb, als seine Eltern aus Israel auswanderten. Heute ist der promovierte Volkswirt Immobilienkaufmann. Graumann mischt sich gern in die politische Diskussion ein. Er forderte den Rückritt der damaligen Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), die während des Gazakriegs Israels Politik als "völkerrechtswidrig" bezeichnet hatte. Gleichzeitig nannte er "antiisraelische Propaganda in deutschen Medien keine Seltenheit", die aber auch nicht verwunderten "angesichts der Vorlagen aus der Politik".
Zudem legte er sich mit der Linkspartei an, deren Parteiführung er eine "betont israelfeindliche Politik vorwarf". Es ging unter anderem um eine geplante Iranreise Oskar Lafontaines und dessen Auffassung, wenn Israel Atomwaffen habe, dürfe der Iran sie auch besitzen. Nach einem Briefwechsel sagte Graumann, die Linkspartei sei "bestimmt nicht antisemitisch, aber sie ist eben doch extrem israelfeindlich eingestellt".
Der Zentralrat wird dieses Jahr 60 Jahre alt. Graumann, 59 Jahre alt, wäre der erste Präsident der Institution, der den Holocaust nicht erlebt hat. Knobloch, die gleichzeitig der Israelitischen Kultusgemeinde in München vorsteht, wurde vorgeworfen, sie kümmere sich zu wenig um die neue Generation der Juden. Vor allem in der Integration der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion sehen die meisten Mitglieder eine zentrale Aufgabe. Die Zahl der Gemeindemitglieder wuchs in den vergangen zwei Jahrzehnten von 29.000 auf über 100.000. 90 Prozent der Mitglieder sind Neueinwanderer und deren Kinder. Knoblochs Nachfolger muss integrieren. So sind bislang die postsowjetischen Juden noch nicht in der Spitze des Zentralrats vertreten. Auf Graumann wartet denkbar viel Arbeit.
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