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Merken   Drucken   24.09.2009, 21:16 Schriftgröße: AAA

Kopf des Tages: Roderich Egeler - Oberster Stimmenzähler

Selten stand ein Wahlleiter so im Mittelpunkt. Erst wurde er angegriffen, weil er die Pauli-Partei ausschloss, dann folgten die Twitter-Pannen. Sollte es am Sonntag eng werden, wird ganz Deutschland auf Roderich Egeler schauen. von Nikolai Fichtner
Dieser Sonntag dürfte sein längster Arbeitstag werden. Um sieben Uhr wird Roderich Egeler aufstehen. Und wenn er Montag früh um fünf zurück ins Hotel kommt, dann wird er vermutlich immer noch aufgekratzt sein. "Die Spannung ist so groß", sagt Egeler, "da hat man keine Chance, müde zu werden." Als Bundeswahlleiter ist er der Mann, der das Wahlergebnis präsentieren wird, voraussichtlich kurz nach Mitternacht. Und wenn die Wahl so knapp ausgeht, wie die Umfragen das andeuten, wenn es am Ende auf die Überhangmandate ankommt, dann wird ihm ein Millionenpublikum dabei zusehen.
Die Öffentlichkeit - für Egeler war sie eine neue, teils schmerzhafte Erfahrung. Denn als Beamter ist er es gewohnt, im Hintergrund zu bleiben: Bis Mitte letzten Jahres war der heute 59-Jährige im Innenministerium für die Beschaffung zuständig. Dann wurde der Volkswirt zum Präsidenten des Statistischen Bundesamts berufen - und damit im Nebenjob zum Bundeswahlleiter.
Seine erste Wahl, die Europawahl, bewältigte Egeler noch geräuschlos. Das änderte sich im Vorfeld der Bundestagswahl Anfang August: Gabriele Paulis Freie Union sollte wegen eines Formfehlers von der Wahl ausgeschlossen werden. Bei ihrer Beschwerde vor dem Bundeswahlausschuss kam es zum Patt. Egelers Stimme zählte doppelt - ein Novum in der Geschichte.
Er stimmte gegen Pauli. Bei der Debatte über Formfehler und Paragrafen hatte Egeler als Nichtjurist keine gute Figur abgegeben. Mit der Ruhe war es vorbei. Kommentatoren warfen ihm vor, zu kleinlich zu sein, sogar ehemalige Verfassungsrichter meldeten sich zu Wort. Egeler las das alles, es muss ihn überrollt haben. "Man ist schon überrascht, wenn man auf einmal Person der Öffentlichkeit wird."
Ein paar Wochen später das nächste Problem: Bei den Landtagswahlen am 30. August kursierten vor Schließung der Wahllokale Prognosen über Twitter. Wieder war die Aufregung groß, Egeler versprach zu handeln. Vor der Bundestagswahl ermahnte er nun Meinungsforscher und Parteien, auf ihre Zahlen aufzupassen. Und er hat seine Leute eine Software entwickeln lassen, die am Sonntagnachmittag bis 18 Uhr das Internet scannen wird. Bei Verstoß drohen 50.000 Euro Bußgeld.
Nach 18 Uhr beginnt dann das, was Egeler die "heiße Phase" nennt. Er wird mit 60 Mitarbeitern im Reichstag sein, dem Lagezentrum, und dort die Ergebnisse aus den 299 Wahlkreisen empfangen. Dann muss auch die Software funktionieren, die aus den Stimmzahlen eine Sitzverteilung macht. Das sind komplizierte Verfahren, mit Auf- und Abrundungen. Um ganz sicherzugehen, findet für Egeler daher schon am Samstag eine Bundestagswahl statt - mit fiktiven Zahlen.
Ob er sich noch Sorgen macht? "Höchstens vor einem Stromausfall in Berlin." Obwohl - auch dafür hat er vorgesorgt: Beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden steht ein zweites, identisches Lagezentrum, für den Fall der Fälle.
  • Aus der FTD vom 25.09.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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