Dieser Sonntag dürfte sein längster Arbeitstag werden. Um sieben Uhr wird Roderich Egeler aufstehen. Und wenn er Montag früh um fünf zurück ins Hotel kommt, dann wird er vermutlich immer noch aufgekratzt sein. "Die Spannung ist so groß", sagt Egeler, "da hat man keine Chance, müde zu werden." Als Bundeswahlleiter ist er der Mann, der das Wahlergebnis präsentieren wird, voraussichtlich kurz nach Mitternacht. Und wenn die Wahl so knapp ausgeht, wie die Umfragen das andeuten, wenn es am Ende auf die Überhangmandate ankommt, dann wird ihm ein Millionenpublikum dabei zusehen.
Die Öffentlichkeit - für Egeler war sie eine neue, teils schmerzhafte Erfahrung. Denn als Beamter ist er es gewohnt, im Hintergrund zu bleiben: Bis Mitte letzten Jahres war der heute 59-Jährige im Innenministerium für die Beschaffung zuständig. Dann wurde der Volkswirt zum Präsidenten des Statistischen Bundesamts berufen - und damit im Nebenjob zum Bundeswahlleiter.
Seine erste Wahl, die Europawahl, bewältigte Egeler noch geräuschlos. Das änderte sich im Vorfeld der Bundestagswahl Anfang August: Gabriele Paulis Freie Union sollte wegen eines Formfehlers von der Wahl ausgeschlossen werden. Bei ihrer Beschwerde vor dem Bundeswahlausschuss kam es zum Patt. Egelers Stimme zählte doppelt - ein Novum in der Geschichte.