Ministerpräsident, Beauftragter für Popkultur, Bundesumweltminister: Sigmar Gabriel kennt die Höhen und Tiefen der Politik. Nachdem er im Wahlkampf überzeugte, ist er nun Favorit für den SPD-Parteivorsitz.
von Peter Ehrlich
Rauf, runter, rauf, runter: Die bisherige politische Karriere von Sigmar Gabriel gleicht einer Achterbahnfahrt. Seit November 2005 immerhin, dem Beginn der Großen Koalition, hat Gabriel die Talfahrt stoppen können. Als Bundesumweltminister machte er einen ordentlichen Job. Nun ruft ein neues Amt. Der 50-Jährige gilt als Favorit für den SPD-Parteivorsitz.
Dabei hieß es noch bis vor wenigen Tagen in Partei und Fraktion, der scheidende Minister habe keine Chance auf ein Spitzenamt. Gabriel habe zu oft seine Meinung gewechselt, einige halten ihn gar für intrigant. "Er tut sich schwer damit, eine Linie längere Zeit und auch gegen Widerstände durchzuhalten", sagt eine Bundestagsabgeordnete.
Seine Kritiker verweisen darauf, dass Gabriel sich schon bei unterschiedlichen Flügeln der Partei verortet hatte. Offiziell gehört er zum pragmatischen Netzwerk, zuletzt baute er seine Kontakte zur Linken aus.
Sigmar Gabriel gilt als Favorit für den SPD-Parteivorsitz
Den Meinungsumschwung zugunsten Gabriels bewirkt die Erkenntnis, dass er der Partei zu neuem Elan verhelfen und in der Opposition wieder zum Angriff übergehen könnte. Das kann Gabriel in der Tat gut: Seine Kampagne gegen die Atomkraft war der eingängigste Teil des SPD-Wahlkampfs. Überhaupt macht er eine gute Figur auf Bühnen und in Talkshows. Sein Redetalent ist unbestritten, seine Begeisterungsfähigkeit ebenso. In der SPD-Spitze gehört er zu den wenigen, die Politik pointiert erklären können. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schätzt Gabriel trotz der ständigen Reibereien zwischen Umwelt- und Wirtschaftsministerium als Profi, unmittelbar vor der Wahl durfte er sie noch bei einem Klimagipfel der Uno in New York vertreten.
Ungern denkt Gabriel an das Jahr 2003 zurück, sein bisheriges Karrieretief. Damals verlor der ausgebildete Gymnasiallehrer, der mit 40 Jahren Ministerpräsident wurde, gegen Christian Wulff die Landtagswahl in Niedersachsen. Gabriel machte die Bundespolitik und den Parteichef und Bundeskanzler Gerhard Schröder mitverantwortlich. Der rächte sich subtil, indem er Gabriel zum Beauftragten für Popkultur machte. Der wurde fortan als "Siggi Pop" verspottet, als Fraktionschef der SPD in Hannover fühlte er sich auch nicht mehr wohl.
2003 dann durfte Gabriel in die Bundespolitik wechseln. Er gewann seinen Wahlkreis Salzgitter-Wolfenbüttel und fand sich in der Großen Koalition als Umweltminister wieder. Am Sonntag verteidigte er seinen Wahlkreis - auf der Landesliste war er nach einem Streit mit der Landesführung nicht vertreten.
Entscheidend wird nun sein, ob der Minister in den nächsten Tagen genügend Parteifreunde davon überzeugt, dass er mit Fraktionschef Steinmeier das richtige Team bilden kann. Zumindest besteht Einigkeit, dass man ein Talent wie Gabriel in der ersten Reihe braucht.Peter Ehrlich
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