Späte Einsicht, aber nicht zu spät. Das kam gut an. Zumal Wulff seine Selbstgeißelung vor laufenden Kameras mit einem Bekenntnis zur Presse- und Informationsfreiheit verband: "Es ist eben notwendig, denn es geht um Vertrauen in mich und meine Amtsführung." Sein Auftritt hinterließ den Eindruck, als unterstütze das Staatsoberhaupt nicht nur die Aufklärung der Affäre, sondern als wolle er sich an die Spitze der Bewegung stellen und den Bürgern zurufen: Ich mache Schluss mit der Salamitaktik und gebe nicht länger immer nur das zu, was gerade ans Licht der Öffentlichkeit gedrungen ist oder zu dringen droht.
Inzwischen ist klar: Was wie die Flucht nach vorn aussah, war und ist in Wahrheit ein Schmierentheater. Wulff soll dem Springer-Verlag und "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann "Kriegführen" angedroht haben, was seinem Plädoyer für einen berechtigten aufklärerischen Journalismus widerspricht. Im Gegenteil ist das ein Angriff auf die Pressefreiheit.
Und der Bundespräsident hat sich auch kein Stück von der Salamitaktik verabschiedet. Im Gegenteil treibt er sie auf die Spitze. Klar wurde das eigentlich schon einen Tag nach seiner Das-war-nicht-gradlinig-mach-ich-nie-wieder-Erklärung, als der "Stern" enthüllte, dass der Präsident seinen Sprecher Olaf Glaeseker nur deshalb gefeuert hatte, weil ruchbar wurde, dass auch er unter Kungeleiverdacht mit der Wirtschaft steht.
Wulff lässt mittlerweile wie zu Beginn der Affäre wieder allein seinen Anwalt erklären, erläutern, klarstellen, dementieren und bestätigen. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" meldete unter Berufung auf den Juristen, dass der Präsident seinen vorerst letzten Darlehensvertrag für sein Haus erst drei Tage vor Weihnachten unterschrieben hat. Man lese und staune. Das war lediglich 24 Stunden vor dem öffentlichen Kniefall.
Zur besseren Übersicht: Wulff hatte für den Kauf eines Hauses 500.000 Euro von der Frau seines Unternehmerfreundes Egon Geerkens geliehen. Den Privatkredit ersetzte er - welch Zufall - in dem Moment, als es erste kritische Fragen gab, durch ein sehr zinsgünstiges Geldfmarktdarlehen der BW-Bank, einer Tochter der öffentlich-rechtlichen Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Dieses wiederum wandelte Wulff - welch Zufall - in dem Moment, als es erste kritische Fragen dazu gab, kurz vor Weihnachten in einen normalen Immobilienkredit mit langer Laufzeit um.