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Merken   Drucken   27.10.2009, 19:07 Schriftgröße: AAA

Kürzerer Zivildienst: "Ein weiterer Nagel am Sarg des Zivildienstes"  

Die ab 2011 geplante kürzere Zivildienstdauer könnte dazu führen, dass Zivildienststellen abgebaut werden und die Träger nach Alternativen suchen. von Maike Rademaker  Berlin
"Das ist der Anfang vom Ende des Zivildienstes", sagte der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider. Vor allem in ausbildungsintensiven Einsatzfeldern wie den Rettungsdiensten entstehe bei nur sechs Monaten Einsatz "ein echtes Problem": "Drei Monate Lehrgang, Urlaub und vielleicht Krankheit in insgesamt sechs Monaten - das steht in keinem Verhältnis."
1995 betrug die Dauer des Grundwehrdienstes noch 15 Monate, seit 2002 sind es neun Monate. Im Zuge der Kürzung haben die Verbände schon nach Alternativen gesucht. Derzeit bieten sie aber immer noch rund 110.000 Plätze an, von denen indes nur die Hälfte besetzt werden. Schwarz-Gelb will nun laut Koalitionsvertrag die Dauer der Wehrpflicht - und damit auch des Zivildienstes - von neun auf sechs Monate kürzen. Für die Branchen wird das zwar keine Katastrophe - die sozialen Berufsfelder sind ein Arbeitsmarkt für über drei Millionen Menschen - aber in manchen Gebieten könnte es zu Engpässen bei besonderen Angeboten kommen.
Die Zahl der Zivijobs sei zwar im Vergleich zum Gesamtarbeitsmarkt nicht hoch, sagte Michael Bergmann, Leiter der Abteilung Zivildienst bei der Caritas, und die Kürzung damit keine bundesweite Katastrophe für das Sozialwesen. Aber die Auswirkungen könnten vor allem in den qualitativ anspruchsvollen Bereichen durchaus dramatisch sein: "Dort werden sich Träger entweder ganz zurückziehen oder Alternativen erarbeiten müssen - wie über das Freiwillige Soziale Jahr, Minijobs oder Ehrenamt. Das wird aber nicht unbegrenzt möglich sein und muss bezahlbar bleiben." Bergmann bewertet die Kürzung als "weiteren Nagel am Sarg des Zivildienstes".
Rund die Hälfte der Zivis werden derzeit in Pflege- und Betreuungsdiensten eingesetzt, knapp 3500 der Stellenangebote gab es Ende 2008 bei Krankentransporten und Rettungsdiensten. "Die Verkürzung ist keine gute Idee", sagte eine Sprecherin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Beim DRK sind viele der 8000 Zivildienststellen anspruchsvoll - wie bei den Rettungsdiensten. "Die Leistungsfähigkeit der Dienste wird damit eingeschränkt." Ob man deswegen Zivistellen abbauen werde, sei noch unklar. Das DRK rekrutiert über dieses Angebot auch Nachwuchskräfte und fürchtet, dass die Stellen mit den kurzen Einsätzen unattraktiv werden.
Auch Stellen in Kindergärten oder Altenheimen sind nach Ansicht von Schneider gefährdet. "Hier müssen Beziehungen aufgebaut werden. Man kann in einem Kindergarten nicht alle paar Monate jemand Neues einsetzen", sagte Schneider. Der paritätische Wohlfahrtsverband erwartet, wie auch das DRK, eine Kompensation für die Ausfälle. So könnte zum Beispiel das Freiwillige Soziale Jahr besser finanziert werden - denn hier stehen viele Schulabgänger Schlange, ohne dass sie einen Platz erhalten. Das DRK sei bereit, an einem Konzept mitzuarbeiten, sagte die Sprecherin.
Nach Berechnungen der Zentralstelle Kriegsdienstverweigerung könnten durch den kürzeren Einsatz der Wehrdienstpflichtigen rund 170 Mio. Euro gespart werden. Dieses Geld, so die Zentralstelle, könnte in den Haushaltstitel für die Förderung des Freiwilligen Jahres umgeschichtet werden, in dem derzeit rund 19 Mio. Euro stehen. Wenn Zivildienststellen durch das zwölfmonatige Jahr ersetzt würden, profitierten davon auch die Träger.
Offen ist dabei, ob die Regierung auch die derzeitige scharfe Musterungspraxis beibehält oder angesichts der kürzeren Wehrpflicht mehr junge Männer einberuft. Vergangenes Jahr wurden 456.000 Männer gemustert und 68.270 einberufen.
  • FTD.de, 27.10.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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