Es ist schon spät am Abend, als eine Handvoll Jungunionisten vor der Borkener Stadthalle auf Hannelore Kraft wartet. Sie haben sich in schwarzen Kutten mit CDU-Logo vor dem Dienstwagen der SPD-Ministerpräsidentin postiert, in der Hand Flyer des lokalen Landtagskandidaten, auf denen steht: "Für eine generationengerechte Finanzpolitik - keine griechischen Verhältnisse in NRW!" Die Wahlwerbung will der Unionsnachwuchs auch der Regierungschefin in die Hand drücken, bevor sie davonbrausen wird.
Erst am Ende eines langen Wahlkampftages kann Kraft nicht mehr am politischen Gegner vorbei. Den ganzen Tag war sie unterwegs im Münsterland, eine Gegend, "schwarz wie die Nacht", wie sie sagt. Aber selbst hier kommen die CDU und deren Spitzenmann Norbert Röttgen bei Kraft nicht vor - allenfalls als "Vorgängerregierung" oder "politischer Mitbewerber", wenn es gar nicht anders geht.
Fast alles in diesem Wahlkampf ist anders als 2010, als sich Kraft mit ihrem CDU-Vorgänger Jürgen Rüttgers eine schmutzige Schlacht lieferte. Damals war sie die bissige Angreiferin. Heute kann sie sich als allseits beliebte Regierungschefin einen Landesmutter-Wahlkampf erlauben, der den Gegner einfach ignoriert. Aus dem Scheitern ihrer rot-grünen Minderheitsregierung bei der Etatabstimmung Mitte März ist Kraft sogar gestärkt hervorgegangen. Vor der Wahl am Sonntag liegt die SPD in Umfragen bei 38 Prozent und hat die Chance, eine rot-grüne Mehrheit zu erreichen. Davon kann die Bundespartei nur träumen.
Ahlen in Westfalen, ein kleiner Marktplatz. Kraft ist aus ihrem Wahlkampfbus geklettert und macht das, was sie so viel besser kann als ein Kopfpolitiker wie Röttgen. Sie schiebt sich ohne Personenschutz durch die Menge, schüttelt Hände, lässt sich fotografieren, hört sich die Probleme ihrer Bürger an. Die 50-jährige Diplom-Ökonomin ist jetzt nicht die Regierungschefin des wichtigsten Bundeslandes, sondern eine normale Frau, die auch oben in der gläsernen Staatskanzlei auf dem Boden geblieben ist.
Kraft spricht mit der Seniorin, der die Rente zu niedrig ist, mit dem Lehrer, der ein Problem mit der Schulreform hat, der Tchibo-Frau, der die Kündigung droht. Sie verspricht nichts, was sie nicht halten kann, und gibt den Leuten doch das Gefühl, ernst genommen zu werden. Wenn sie eine Chance sieht zu helfen, verteilt sie Arbeitsaufträge an die örtliche Landtagsabgeordnete oder ihren 19-jährigen Sohn, der sie in der letzten Wahlkampfwoche begleitet. Zu drei Schülern, die ihr ihre Idee für ein völlig neues Unterrichtskonzept vorstellen, sagt sie in ihrem Ruhrpottslang: "Ich schreib euch 'ne Mail." Bei Kraft glauben die Leute, dass da tatsächlich was kommt.
"Die ist bürgernah", sagt ein Rentner, der sich das Treiben anschaut. Und als ein Hörer im WDR-"Mittagsmagazin" schimpft, die Verschärfung des Rauchergesetzes sei "der schwerste Fehler seit Hartz IV", schickt er voraus, Kraft sei eine "nette Frau", und er sei ja "Frauenkenner". Die Politikerin hat es geschafft, das Image ihrer Person und das ihrer Politik völlig zu entkoppeln - auch dank einer akribischen Kontrolle ihres Bildes in der Öffentlichkeit.
Gegen eine solche Amtsinhaberin lässt sich schwer Wahlkampf machen. Fast schon verzweifelt orgeln Union und FDP auf dem Schuldenthema herum, Krafts schwächstem Punkt. Doch weder in Ahlen noch später in Borken scheinen die Bürger die Warnung vor "griechischen Verhältnissen" ernst zu nehmen. 3 Mrd. Euro neue Schulden pro Jahr sind für sie eine ziemlich abstrakte Zahl. Die Abschaffung der Studiengebühren und das kostenlose dritte Kita-Jahr, die Rot-Grün spendiert hat, sind dagegen sehr konkret. Und Kraft redet schon seit einiger Zeit auch vom Sparen, nicht nur von Investitionen in Kinder, Kitas und Kommunen. "Sie hat am Anfang unterschätzt, dass man das Thema Haushaltskonsolidierung nicht komplett vernachlässigen darf ", sagt ein führender SPD-Mann aus NRW. "Aber jeder Spitzenpolitiker macht einen Erfahrungsprozess durch."
Bei Kraft ging das wie im Zeitraffer. In nicht einmal zwei Jahren ist aus der "Frau, die sich nicht traut", die von den Grünen an die Macht geschubst werden musste, die zweitmächtigste Frau der Republik geworden. Sie muss sich jetzt oft Vergleiche mit Angela Merkel anhören, die Kanzlerin sei ja auch lange unterschätzt worden. Kraft zieht dann eine Grimasse und murmelt: "Ich kann's echt nicht mehr hören." Überhaupt ist der SPD-Vizechefin die Berliner Welt bis heute fremd. Der Gedanke, dass sie einmal Merkels Job übernehmen könnte, behagt ihr allein deshalb nicht, weil sie dann das Familienleben opfern müsste. Selbst im Wahlkampf sind Krafts Sohn und ihr Neffe dabei, beide kümmern sich um den Internetauftritt. Ihr Ehemann, ein Elektroinstallateurmeister, fährt nach Feierabend mit dem Familienwagen durch Mülheim und klebt Plakate.
Wenn es am Sonntag für Rot-Grün reicht, will Kraft aber von Düsseldorf aus eine größere Rolle im Bund spielen als während der zwei Jahre, in denen sie vor allem damit beschäftigt war, ihre Regierung zusammenzuhalten. Ihr größter Gegner ist längst nicht mehr Röttgen, sondern die Wahlmüdigkeit einiger SPD-Anhänger. "Die Stimmung an den Wahlkampfständen ist: Die Hannelore macht das schon ganz in Ordnung. Aber die große Euphorie wie 2010, als es gegen Rüttgers ging, ist nicht zu spüren", berichtet ein SPD-Landtagsabgeordneter. Die Präsidentin von der Ruhr muss noch zittern.