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  FTD-Serie: Bildungspolitik

Im deutschen Bildungssystem liegt vieles im Argen: marode Schulen, Unterrichtsausfall und zu wenig Hochschulabsolventen. Zugleich ist die Bildungslandschaft in Bewegung geraten. Eine Serie über eines der wichtigsten Zukunftsthemen der deutschen Politik.

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  06.12.2006, 07:00  

Licht und Schatten im Jahr 5 nach Pisa

Seit 2001 denken Deutsche beim Stichwort "Pisa" nicht nur an einen schiefen Turm, sondern auch an die Schieflage ihres Bildungssystems. Eine Zwischenbilanz, in welchen Bundesländern und Schulformen sich seitdem was getan hat - und wo nicht. von David Böcking
Beim ersten Mal waren es 31, beim dritten Durchgang im Frühjahr 2006 bereits 58 Länder, die sich unter Federführung der OECD am "Programme for International Student Assessment", kurz: Pisa, beteiligten. Der weltweit größte Schulleistungstest untersucht nicht nur das Wissen der Schüler, sondern auch ihre Fähigkeit, dieses Wissen bei der Lösung lebensnaher Aufgaben anzuwenden. Neben den Leistungen werden auch der soziale Hintergrund der Schüler oder Zusatzdaten über die Unterstützung durch ihre Lehrer erhoben.
Die Ergebnisse der ersten Studie hatten 2001 zu heftigen Diskussionen geführt, die Kultusminister reagierten ungewohnt schnell auf das schlechte Abschneiden deutscher Schüler. Inwieweit die Politik etwas verändern konnte, wird sich erneut zeigen, wenn die OECD im Dezember 2007 die Ergebnisse des dritten Durchgangs veröffentlicht. In vielen Bereichen zeigen sich aber schon jetzt Fortschritte - oder auch weiterer Handlungsbedarf:
"Die meisten Anstrengungen nach Pisa gehen in den Grundschul- und Vorschulbereich", sagt der Dortmunder Schulforscher Wilfried Bos. Doch auch wenn deutsche Erstklässler im Frühjahr 2006 bei der internationalen Grundschulstudie "Iglu" etwas besser abschnitten als die 15-Jährigen bei der Pisa-Studie 2001, bleibt viel zu tun.
Im Lesevergleich erreichten die ABC-Schützen bei der Studie nur deshalb einen elften Platz, weil Pisa-Topstaaten wie Finnland, Korea, Japan, Australien und Belgien nicht teilnahmen. Zudem hatten die getesteten Schüler einen Altersvorteil, weil Deutschland seine Kinder im internationalen Vergleich deutlich später einschult. Die Niederlande und Schweden, die sowohl bei Iglu und Pisa vorne lagen, schicken ihre Kinder früher in die Schule, erteilen mehr Unterricht im Jahr und geben mehr Geld pro Schüler aus. Deutschland investiert hingegen bislang weniger in Grundschulen als der Durchschnitt der Industriestaaten. Die deutschen Grundschüler haben 20 Prozent weniger Unterrichtszeit als Gleichaltrige in anderen reichen Ländern.
Doch auch auch an den Grundschulen sind Veränderungen auf dem Weg – etwa in Thüringen, wo laut neuerer Statistiken derzeit die besten Bedingungen für Grundschüler herrschen. Die Ausgaben für Bildung sind hier hoch, die durchschnittliche Klassengröße sowie die Zahl der Sitzenbleiber niedrig, das Förderangebot ist gut. Vor allem aber sind die Leistungen international überdurchschnittlich. Das Ostland nahm nämlich schon als eines von wenigen Bundesländern an der letzten Iglu-Studie teil. Auch Bayern und Baden-Württemberg schnitten damals gut ab, bieten aber schlechtere Bedingungen in punkto Betreuung.
In Sachen Einschulung wurde Berlin zum Vorreiter – hier beginnen Kinder ihre Schullaufbahn bereits mit fünfeinhalb. Baden-Württemberg wiederum achtet besonders auf die oftmals sehr unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Jüngsten, indem es in den ersten Klassen altersgemischten Unterricht anbietet. In Bremen beherzigte man die Erkenntnis, dass junge Gehirne schneller Sprachen begreifen: Hier lernt inzwischen jeder zweite Grundschüler eine Fremdsprache.
Hoffnungen ruhen auch auf Ganztagesangeboten, von denen vor allem sozial benachteiligte Grundschüler profitieren. Auch hier schneidet Thüringen gemeinsam mit Sachsen und Berlin gut ab. In Nordrhein-Westfalen sollen in Zukunft alle Grundschulen zu offenen Ganztagsschulen mit freiwilligen Nachmittagsaktivitäten werden.
Weil die Benachteiligung von Migrantenkindern oft schon im Vorschulalter beginnt, richten zudem derzeit fast alle Bundesländer Sprachtests im Kindergarten ein. Wer solche Tests nicht besteht, soll extra Deutschstunden erhalten, um schon vor der Schule sein Sprachdefizit wettzumachen.
„Die Hauptschule muss aufgelöst werden zu Gunsten einer neuen Schulform mit gänzlich neuer Zusammensetzung", forderten die Lehrer der Berliner Rütli-Schule, die im März 2006 durch Gewalttaten der Schüler in die Schlagzeile geriet. Doch die Ergebnisse der Pisa-Studie erlauben kein eindeutiges Urteil zu der auch zwischen den Koalitionsparteien umstrittenen Schulform.
So haben Bayern und Baden-Württemberg die geringste Jugendarbeitslosigkeit, sehr gute Pisa-Ergebnisse und eine starke Hauptschule. In Bayern gehen noch immer 38 Prozent eines Jahrgangs auf die Hauptschule. Dass im Freistaat viele Schüler, die anderswo das Gymnasium besuchen könnten, auf der Realschule landen, gilt als weiterer Grund für die guten Ergebnisse. Im wirtschaftlich schwächeren Norden sieht es anders aus. Hier ist die Jugendarbeitslosigkeit am höchsten, allen voran bei ehemaligen Schülern der Hauptschulen. Im Rennen um die knappen Lehrstellen unterliegen sie zumeist den Realschülern.
Dank sinkender Schülerzahlen und Konkurrenz durch Gesamtschulen ist die Hauptschule zudem zur "Restschule" geworden. In Hamburg oder Berlin gehen nur noch elf Prozent eines Jahrgangs auf diese Schulform. Das führt dazu, dass sich dort die sozial Schwächsten und insbesondere Migranten sammeln. Bei solchen sozialen Zusammensetzungen seien Lehrer zwangsläufig überfordert, sagte der Pisa-Koordinator Andreas Schleicher der FTD: "Ein Lehrer kann Probleme noch lösen, wenn nur wenige Schüler in einer Klasse Probleme haben. Aber das ist kaum mehr möglich, wenn 90 Prozent problematisch sind."
Die frühere Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) forderte als Konsequenz aus der Pisa-Studie eine Aufgabe des Hauptschul-Modells, der Berliner Bildungssenator Klaus Böger (SPD) kündigte im April an, die Haupt- und Realschulen mittelfristig fusionieren zu wollen. Zu den Befürwortern der Schulform gehört dagegen neben der Kultusministerkonferenz auch Bundespräsident Horst Köhler. Im September hielt er seine erste „Berliner Rede“ demonstrativ an einer Hauptschule in Berlin-Neukölln.
Die Pisa-Ergebnisse der deutschen Gymnasiasten hatten 2001 deutlich über dem OECD-Durchschnitt gelegen, von allen Schulformen konnten sie zudem bei der zweiten Studie im Jahr 2003 die höchsten Kompetenzzuwächse verzeichnen.
Allerdings hängen die Erfolgschancen auch hier in hohem Maße vom Bundesland ab – wie aus dem innerdeutschen Pisa-Vergleich von 2003 hervorgeht. Demnach sind bayerische Gymnasiasten im Durchschnitt in Mathematik mehr als ein Schuljahr weiter als Gleichaltrige in Bremen. Die Unterschiede bleiben laut dem Chef der deutschen Pisa-Studie, Manfred Prenzel, auch dann bestehen, wenn man Ländern schwierige Bedingungen wie hohe Arbeitslosigkeit anrechnet.
Die Auswertung fand auch heraus, dass bayerische Realschulen fast ebenso gute Werte abliefern wie Gymnasien in Bremen. "Nicht überall, wo Gymnasium draufsteht, ist Gymnasium drin", folgert Prenzel.
Am meisten Aufsehen erregte die erste Pisa-Studie wohl mit dem Befund, dass in keinem anderen Industrieland der Welt der Bildungserfolg eines jungen Menschen so abhängig von der sozialen Herkunft ist wie in Deutschland. Damit bestätigten sich zahlreiche andere Studien, die diesen Missstand bereits seit Anfang der 70er-Jahre aufgezeigt hatten.
Laut Pisa hat ein 15-jähriger Schüler aus einer Akademikerfamilie in Deutschland eine viermal so große Chance, das Gymnasium zu besuchen und das Abitur zu erlangen, wie ein Gleichaltriger aus einem Facharbeiterhaushalt - und dies bei getesteter gleicher Lernkompetenz in Lesen/Textverständnis und Mathematik. In Bayern sind die Chancen eines Facharbeiterkindes für den Gymnasialbesuch gegenüber einem Akademikerkind sogar 6,7-mal geringer.
Zwischen den beiden Pisa-Untersuchungen von 2000 und 2003 hat sich in Deutschland der Wissensabstand zwischen 15-Jährigen aus der obersten sozialen Schicht (Akademikerfamilien) gegenüber Gleichaltrigen aus der untersten Schicht (Ungelernte) sogar noch weiter vergrößert. Auch nach dem OECD-Bildungsbericht 2006 ist in Deutschland die Wahrscheinlichkeit des Schulversagens in der Basisqualifikation Mathematik für einen Jugendlichen aus der Unterschicht 4,6-mal größer als für einen Gleichaltrigen aus der Oberschicht.
Besonders betroffen von der sozialen Benachteiligung sind die Kinder von Migranten, die in keinem anderen Industrieland so weit unter Durchschnitt abschneiden wie in Deutschland.
Nicht nur deutsche Schüler sind durch die Pisa-Studien unter Druck geraten: Kürzlich kündigten Vertreter der Länder verstärkte Anstrengungen bei der Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte an. Viele von ihnen verfügen als "Türöffner zum Wissen" laut neuen Schulstudien nicht über das nötige Handwerkszeug.
Zwar gibt es in den meisten Ländern für die bundesweit knapp 800.000 Lehrer eine grundsätzliche Pflicht zur Fortbildung, aber keine Kontrolle. Das beginnt sich aber zu ändern. So verpflichtet das neue Schulgesetz in Hessen die Pädagogen zur Fortbildung, außerdem müssen sie ihr lebenslanges Lernen dokumentieren.
Auf solche neuen Strukturen in der Lehrerfortbildung setzt Nordrhein-Westfalen schon seit einigen Jahren. Derzeit werden 54 Kompetenzteams aufgebaut, die vom nächsten Schuljahr an den Schulen als "ortsnahe Unterstützung" zur Verfügung stehen sollen. Dort können die Schulen je nach Defizit entsprechende Fortbildung anfordern. Außerdem will das Land das Fortbildungsbudget der Schulen, mit dem sie auch Weiterbildung auf dem freien Markt einkaufen können, von derzeit 6,18 Mio. Euro auf 8 Mio. Euro im nächsten Jahr aufstocken.
Eine weitere Folge von Pisa ist die in etlichen Ländern bereits eingeführte Schulevaluation. Dabei kommen Prüferteams in die Schulen, die deren Ergebnisse - wie Abschlüsse oder individuelle Förderung - überprüfen. Wo Bereiche im Argen liegen, ist Nachhilfe für die Schulen angesagt.
  • FTD.de, 06.12.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland
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