Anlass für den aufkeimenden Streit ist die Arbeit von Bund und Ländern an dem "Deutschen Qualifikationsrahmen" (DQR), einer Art Bildungsmatrix für Deutschland. Danach soll die deutsche Bildungslandschaft künftig in acht Niveaustufen einsortiert werden, vom Hauptschulabschluss bis zum Doktortitel. Die Neuordnung sorgt für Konflikte: Die Träger der beruflichen Bildung machen den Hochschulen die Vorherrschaft streitig, Arbeitgeber und Gewerkschaften zanken, wie kleinteilig eine Ausbildung sein darf, und Bund und Länder ringen darum, wer über die Wertigkeit entscheiden darf.
Hintergrund des Projekts ist ein Beschluss der Europäischen Union von Ende Januar. Bis 2010 soll danach ein "Europäischer Qualifikationsrahmen" entstehen, der die unterschiedlichen nationalen Berufssysteme verknüpfen soll. Bis dahin muss jeder Mitgliedsstaat einen eigenen Rahmen entwickeln. Am Ende soll das neue System mehr Transparenz, bessere Vergleichbarkeit und mehr Mobilität bringen - und irgendwann einen einheitlichen europäischen Arbeitsmarkt. Dafür soll 2012 auf jedem Diplom, das in der EU verliehen wird, ein Verweis auf das entsprechende Niveau stehen. Fest steht bereits: Der Bachelor bekommt das EU-Niveau sechs, der Master eine Sieben und der Doktor das Höchstniveau acht.
Schwieriger als bei den Hochschulabschlüssen wird es sein, die Abschlüsse der beruflichen Bildung einzuordnen, wie den Facharbeiter oder den Gesellen. Erste griffige Vorschläge gibt es: "Meister gleich Bachelor" heißt die Formel, für die der Generalsekretär des Handwerksverbandes ZDH, Hanns-Eberhard Schleyer, wirbt. Ein von den Kammern geprüfter Fachwirt stünde dann auf dem gleichen Niveau wie ein BWL-Bachelor einer Hochschule. Die Länder sehen das allerdings anders: In einem ersten Papier der Kultusministerkonferenz war der Kammerabschluss unter dem Hochschul-Bachelor angesiedelt.
Die Einstufung ist eine wichtige Entscheidung mit politisch erwünschten Nebeneffekten. Danach sollen mit der neuen Matrix mehr junge Leute über das duale System an die Hochschulen gehen. "Zu jedem Abschluss muss auch ein Anschluss möglich sein", sagt Bildungsministerin Annette Schavan (CDU). Erstsemester mit Berufsausbildung sollen damit nicht mehr bei null anfangen müssen. Das Doppeltlernen sei "volkswirtschaftlich ineffizient", sagt ZDH-Chef Schleyer. "Junge Leute mit Berufsausbildung bringen bereits Kompetenzen mit, die Abiturienten nicht haben."
Die Frage, wie man feststellen soll, was doppelt ist, sorgt jedoch für neue Konflikte. "Modularisierung" heißt dafür das Lösungswort: Ausbildungsgänge werden in kleinere, genau definierte Einheiten unterteilt. Beim Ausbildungswechsel können dann doppelte Module angerechnet werden.
Teil 2: Warum die Gewerkschaften gegen die Pläne Sturm laufen