Sie sind zwei der zentralen Figuren in der Euro -Krise, doch ihr Verhältnis ist kompliziert - und schwer belastet: Wolfgang Schäuble und Angela Merkel. Wie viel zwischen ihnen steht, zeigt das Buch des langjährigen "Stern"-Reporters Hans Peter Schütz, das an diesem Montag erscheint. Angela Merkel soll 2004 falsch gespielt haben, um Wolfgang Schäuble als Bundespräsidenten zu verhindern. Die CDU-Vorsitzende soll gefürchtet haben, dass sie einem Staatsoberhaupt Schäuble intellektuell nicht gewachsen wäre, was ihren Kanzlerambitionen geschadet hätte.
Diese These vertritt Schütz, und sie ist sehr stark durch Schäuble gespeist. Die beiden kennen sich seit den 70er-Jahren, Schütz war auch Augenzeuge des Attentats auf Schäuble 1990. Der Anlass für das Buch ist zwar Schäubles 70. Geburtstag am 18. September. Doch Schütz' Werk ist keine klassische Biografie. Es ist eine Abrechnung mit Merkel und Helmut Kohl, die als eiskalte, skrupellose Machtpolitiker gezeichnet werden. Schäuble dagegen charakterisiert Schütz als "Sisyphos", als protestantischen Pflichtmenschen, der von der Politik bis heute nicht loskommt.
Schütz - und damit letztlich auch Schäuble - teilt ordentlich aus. Vieles wird von Zeitzeugen bestätigt, es gibt aber auch Widerspruch von Beteiligten. Ein zentrales Kapitel des Buches bilden die Ereignisse rund um die Wahl des Bundespräsidenten 2004. Hier versucht Schütz darzustellen, wie Merkel Schäuble politisch missbraucht hat.
Die Idee, den Mann im Rollstuhl zum Staatsoberhaupt zu wählen, soll Richard von Weizsäcker gehabt haben. Merkel war von der Idee nicht überzeugt, weil sie um die Widerstände gegen Schäuble wusste, wollte sich aber nicht offen von ihm distanzieren. Das Signal in die CDU hinein wäre verheerend gewesen - und 2004 war Merkel als Parteichefin noch wesentlich gefährdeter als heute. So gab Merkel Schäuble keine eindeutigen Signale, ob sie ihn unterstützt.
Unter Christdemokraten legendär ist bis heute die Präsidiumssitzung am 3. März 2004. Es ging bis halb zwei Uhr morgens. Schäuble hatte die Runde schon um halb zwölf erkennbar genervt verlassen, weil er den Eindruck hatte, dass Merkel ihn nicht als Kandidaten wollte. Sie favorisierte offenbar Horst Köhler, den damaligen Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF). Als Friedrich Merz, ein Schäuble-Verbündeter und Merkel-Gegner, vorbrachte, man solle Köhler beim IWF nicht abziehen, wo man doch mit Schäuble einen guten Kandidaten habe, schaltete sich die CDU-Vorsitzende in die Debatte ein. Köhler wolle unbedingt nach Deutschland zurück. Außerdem erhalte er von den Amerikanern keinen Vertrag für eine zweite Amtszeit als IWF-Direktor.
Peinlich wurde es dann, so beschreibt es Schütz, vier Tage später. Bei einer gemeinsamen Präsidiumssitzung von CDU und CSU saß Köhler zwischen Merkel und Edmund Stoiber. Dann sagte Köhler, er sei doch sehr überrascht gewesen, als Merkel ihn schon im Januar angerufen und gefragt habe, ob er Bundespräsident werden wolle. Da habe er gerade mit den Amerikanern über seinen ihm angebotenen zweiten Vertrag beim IWF verhandelt. Viele CDU-Präsidiumsmitglieder, so Schütz, hätten sich gefragt, ob Merkel die eigene Partei belogen habe. Die Vorsitzende habe einen "feuerroten Kopf" bekommen. "Es war in dieser Minute glasklar: Sie hat den Schäuble systematisch vor den Baum fahren lassen", sagt ein Teilnehmer.
Schäuble war tief verletzt - durch Merkel, aber auch durch die FDP. Besonders traf ihn die Ablehnung durch den damaligen FDP-Bundestagsvizepräsidenten Hermann Otto Solms. Mit ihm hatte er zu Bonner Zeiten in der schwarz-gelben Koalition eng zusammengearbeitet. Solms bestreitet heute, dass er in der Präsidentenfrage gegen Schäuble "massiv opponiert" habe, wie Schütz schreibt. "Das stimmt nicht", sagt der Abgeordnete der FTD. "Schäuble war nie der offizielle Kandidat der CDU." Deshalb habe sich die FDP auch nicht bekennen müssen. Es habe tatsächlich Vorbehalte gegen Schäuble gegeben, aber nicht bei ihm. "Die angebliche Ablehnung durch die FDP wurde von der CDU nur vorgeschoben. Merkel wollte Schäuble nicht." Ob sie dessen intellektuelle Überlegenheit gefürchtet habe, darüber wolle er nicht spekulieren. "Aber es hatte natürlich schon mit dem spezifischen Dreiecksverhältnis Kohl-Merkel-Schäuble zu tun."
Schütz beschreibt auch, wie in der CDU-Spendenaffäre Schäubles enges Verhältnis zu Kohl zerbrach und wie kühl kalkulierend Merkel ihre Chance nutzte, den Parteivorsitz zu übernehmen. Er verschweigt nicht, wie verletzend Schäuble beispielsweise als Fraktionschef war. Doch letztlich ist er die tragische Figur: erst von Kohl als vermeintlicher Kronprinz 1997 benutzt, dann von Merkel mehrfach enttäuscht. Vielleicht aber, meint Schütz, war Schäuble "kein Mann für die allererste Reihe". In dem Punkt zumindest wäre Schäuble anderer Meinung.