Ein Befreiungsschlag war der Auftritt bei Moderatorin Maybrit Illner nicht. Man merkte der Kandidatin die Angst vor Fehlern an: nur kein neuer Brutto-Netto-Patzer, nur kein falsches Wort über Ost- oder Westdeutsche. Die CDU-Chefin stand unter verschärfter Beobachtung und sie wusste das natürlich. Die körperliche Anspannung war sichtbar und spürbar, ein lockerer Talk sieht anders aus.
Immerhin: Ein grober Schnitzer ist der Kandidatin nicht unterlaufen. Stoiber wies sie zurecht ohne den CSU-Chef beim Namen zu nennen. Ein Machtwort wurde es dann aber auch nicht. Merkel steht vor dem Problem, dass die CSU in Bayern einen Wahlkampf mit eigenem Budget und eigener Strategie betreibt. "Durchregieren" geht hier nicht.
Vorsichtige Kritik an Stoiber
Merkel musste sich also - wenn auch vermutlich zähneknirschend - vorsichtig äußern, weil sie ohne die bayerische Schwester nicht Kanzlerin werden kann. Also sagte sie: "Wählerbeschimpfung ist das Falsche." Alles, was dazu beitrage, dass Deutschland "eher wieder gespalten wird als dass wir zur Einheit kommen, ist völlig kontraproduktiv".
Zu Stoibers Bemerkung, dass es nicht "überall so kluge Bevölkerungsteile wie in Bayern" gebe, sagte sie, dass Intelligenz und Klugheit "sicherlich unterschiedlich verteilt, aber sicher nicht regional" seien. Sie wolle Kanzlerin aller Deutschen werden. Mehr war ihr zum Fall Stoiber nicht zu entlocken.
Herausforderin in der Defensive
Illner drängte Merkel in eine defensive Rolle, in dem sie viele heikle Themen abhakte: Stoiber, Schönbohm, die 45-Prozent-Vorgabe, Brutto-Netto und die Steuerdebatte. Die Kanzlerkandidatin argumentierte und musste sich doch immer verteidigen. Ihre Schlagfertigkeit konnte die CDU-Chefin nur selten unter Beweis stellen.
Ein Auftreten à la Gerhard Schröder war von Merkel nicht zu erwarten. Der Kanzler hatte bei "Sabine Christiansen" souverän vorgeführt, wie man die Rolle des Gastes und Moderators zugleich ausfüllen kann. Ob er das bei "Berlin Mitte" auch schafft, kann Schröder in der kommenden Woche unter Beweis stellen.