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Merken   Drucken   20.09.2005, 21:07 Schriftgröße: AAA

Miese Laune im Netz  

Vor den Kameras wird viel geredet, im Netz findet sich dagegen der wahre Gemütszustand der Parteien: Kurz nach der Wahl sind die Internetauftritte von CDU, CSU, SPD, FDP, Grünen und Linken gute Indikatoren für die interne Stimmung. von Nikolaus Röttger, Berlin
Die FDP dankt auf ihrer Homepage den Wählern   Die FDP dankt auf ihrer Homepage den Wählern
Spitzenreiter ist dabei die Homepage der CDU, auf der sich mit am besten die Sprachlosigkeit zeigt, die angesichts des Wahldesasters herrscht. Bis Dienstag Nachmittag war auf cdu.de kein Wort des Dankes an die Wähler zu finden. Auf die Frage, warum dies so sei, reagierte man ebenfalls sprachlos und veröffentlichte erst anschließend gegen Abend auf ihrer Website eine solche Danksagung. Alle anderen Parteien hatten sich längst auf ihren Homepages an ihre Wähler gewandt.
So hatten die Liberalen beispielsweise unter wahlkampf.fdp.de eine große Danke-Grafik eingesetzt, Grüne und CSU auf ihren Websites ebenso. Die Linkspartei feiert sich unter sozialisten.de mit "Geschafft: 8,7 Prozent". Allerdings fragt man sich als Besucher, warum der dazugehörige Dankestext an die Wähler zwar verlinkt ist, der Link aber nicht zu weiteren Internetseiten führt. Lag es an der Euphorie angesichts des Ergebnisses?
Zurückhaltend statt protzig
Auch die Bilder sprechen Bände. Auf der CDU-Website war bis Dienstag Nachmittag ein sehr großes Foto von Angela Merkel zu sehen. Dies hatte zur Folge, dass der Satz in dem Foto, "Merkel bekräftigt Anspruch auf Regierungsbildung", sehr klein wirkte; zudem war er, in weißer Schrift auf hellblauem Hintergrund, auch noch schlecht zu lesen. Im Vergleich zum protzigen Auftritt Gerhard Schröders auf spd.de wirkte er zurückhaltend, ja schüchtern.
Schröder jubelte freudestrahlend auf dem Foto, das auf der Homepage der SPD gezeigt wurde. "Wir wollen eine stabile Regierung bilden", stand neben dem Bild als Überschrift - ganz so, als spräche Schröder von sich bereits im Pluralis Majestatis. Auf gerhard-schroeder.de bekräftigte der Kanzler seinen Führungsanspruch, den er aus dem Wahlausgang ableitet. Die Kanzlerkandidatin der Union hingegen befand sich unter angela-merkel.de noch mitten im Wahlkampf und bat die Besucher weiterhin um einen Regierungsauftrag.
Auch die CSU hatte noch nicht überall auf ihrer Website darauf umgeschaltet, dass die Wahl vorbei ist. Zwei Tage nachdem die Partei in Bayern unter die 50-Prozent-Marke gefallen war, empfing Edmund Stoiber die Besucher von csu.de immer noch mit dem Spruch "Zeit für den Wechsel". Inzwischen war aber immerhin der Countdown zum Wechsel abgeschaltet, der auch noch einen Tag nach der Wahl auf der Homepage zu sehen gewesen war - wenn auch ohne Zeitangabe. Stattdessen hatte dort, wo zuvor die Tage, Stunden und Minuten heruntergezählt worden waren, ein sprachloses Nichts geklafft.
Auch die Internetforen sind aufschlussreich. So suchen die Diskussionsteilnehmer auf cdu.de bereits nach Ursachen und Fehlern im Wahlkampf, während die Partei ihre Analyse des Wahlergebnisses vorerst verschoben hat. Mal machen die Internetnutzer Angela Merkel für das Wahlergebnis verantwortlich, mal stärken sie ihr den Rücken. "Frau Merkel, Sie haben es leider vermasselt", schreibt ein User in einem Beitrag. Ein anderer: "Ich finde das Gehacke auf Frau Merkel nach der Wahl lächerlich."
Spekulationen über Koalitionen
Diese engagierten Wähler machen auch nicht vor Spekulationen über mögliche Regierungsbündnisse Halt. Dabei finden sich erstaunlich viele Plädoyers für eine so genannte Schwampel oder Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grünen. Selbst in dem weitaus weniger frequentierten Forum der CSU schreibt ein User: "Wagen Sie die Schwampel." Und auf fdp.de äußerte sich ein Internetnutzer: "Jamaika wäre die beste denkbare Lösung." Allerdings gibt es in allen Foren auch Befürworter anderer Wege, von einer Ampel über eine große Koalition bis zu Neuwahlen. Zum Teil prallen sogar deutliche Gegensätze aufeinander. So drohen im Forum der Bundestagsfraktion der Grünen manche Parteimitglieder mit dem Austritt, sollte es zu einer Schwampel kommen. Andere wollen die Partei verlassen, falls die Grünen eine Frau als Regierungschefin verhindern sollten.
Wer herausfinden möchte, wie die SPD-Anhänger den Wahlausgang diskutieren, wird enttäuscht. Auf Grund von "Wartungsarbeiten" ist das "Klartext"-Forum auf spd.de nach der Wahl geschlossen.
In den Foren der Linkspartei freuen sich die User über den Erfolg. Einer flachst über das Patt zwischen Union und SPD: "Ist doch Klasse. Jetzt haben wir zwei Kanzler. Schröder will weitermachen, Merkel sieht Regierungsauftrag. So viel Kanzler war nie. Nach 'Wir sind Papst' nun auch noch 'Wir sind Kanzler'."
  • Aus der FTD vom 21.09.2005
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