Bayern hat gewählt: Die in den vergangenen 42 Jahren unbezwingbare konservative Regierungspartei hat eine herbe Schlappe erlitten. Sie wird ohne einen Koalitionspartner nicht regieren können. FTD.de zeigt die Nachwehen der Bayern-Wahl.
Franz Müntefering hat in München seine erste große Rede seit dem Rücktritt als Vizekanzler vor neun Monaten gehalten. In einer 45-minütigen Geschichtsstunde mahnt er in der Politik mehr Führung an - aber erwähnt die gegenwärtige SPD-Spitze mit keinem Wort. von Peter Ehrlich (München)
Noch etwas schmaler ist er geworden, und er steht ein ganz klein wenig krummer am Rednerpult als früher. Aber das politische Feuer steckt unverändert im ehemaligen SPD-Chef. Er ist hier, um der bayerischen SPD und ihrem Spitzenkandidaten Franz Maget zu helfen, aber auch um einmal mehr die Grundlinien der Sozialdemokratie zu definieren. Mit Lust nennt Franz Müntefering die CSU-Politiker Erwin Huber und Günther Beckstein "Waschlappen", die nicht zu ihren eigenen Beschlüssen in der Berliner Großen Koalition stünden.
Die beiden hätten wohl "Angst vor der Verantwortung, Angst vor dem Regieren". Gute Politiker müssten aber sagen was ist und dazu stehen. "Wir brauchen Männer und Frauen, die führen". Offiziell ist auch das auf die CSU gemünzt, aber es ist kein Geheimnis, dass Müntefering während der Monate, in der er seine krebskranke Frau bis zu ihrem Tod gepflegt hat, oft genug über das Führungschaos in seiner Partei geklagt hat.
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Das Comeback des Altmeisters
Natürlich tut der 68-Jährige den zahlreichen Journalisten, die zusammen mit rund 400 SPD-Anhängern den Hofbräukeller in Haidhausen füllen, nicht den Gefallen, einen Hinweis auf seine eigenen Pläne zu geben. Aber er sagt, wie er sich Politik vorstellt. Man brauche "ein heißes Herz und klare Kante". Und weiter: "Wer führen will politisch muss auch bereit sein und in der Lage, die Fahne zu tragen". Er müsse deutlich sagen, wohin die Reise geht.
Eben das wüssten viele in der SPD auch gern und auch, ob Müntefering seinen Nachnachfolger an der Parteispitze, Kurt Beck, für einen solchen Führer hält. Beck, ja überhaupt die aktuelle Führung mit Ausnahme von Finanzminister Peer Steinbrück, wird nicht erwähnt. Stattdessen aber lobt er die historischen Verdienste von Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder.
Franz Müntefering feiert ein umjubeltes Comeback auf der politischen Bühne
An Schmidt hätten viele damals junge Sozialdemokraten, auch er, sich gerieben. Aber Streit sei nichts schlechtes, nur brauche man dafür auch eine ordentliche "Streitkultur" und am Ende müsse man beschließen und sich an die Beschlüsse halten. Das kann getrost als Mahnung an Teile der Parteilinken verstanden werden, die die Agenda 2010 zurückdrehen wollen. "Ökonomie und Soziales gehören zusammen", mahnt der Parteipatriarch in die gleiche Richtung.
Müntefering, dessen Krawatte noch röter glänzt als das Logo der Bayern-SPD, erläutert dann noch in zehn Punkten, warum die Bayern Maget wählen sollten. Er hoffe, Maget am 28. September als Wahlsieger im Fernsehen zu sehen und ein klein wenig dazu beigetragen zu haben.
Noch ist unklar, welche Rolle Müntefering in der Berliner Politik spielen will
In den Schlussbeifall mischen sich "Jetzt geht's los"-Rufe. Münteferings Hemd ist durchgeschwitzt, bei aller rednerischen Routine wirkt er ein wenig erstaunt, dass er die Leute wie eh und je von den Stühlen gerissen hat. "Der hat Leidenschaft und klare Worte", sagen hinterher die Genossen, "da können sich andere ein Beispiel nehmen". Welches Comeback auch immer Müntefering noch anstrebt, als Redner und Wahlkampflokomotive ist "der Franz" wieder da.
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