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Merken   Drucken   07.05.2012, 21:00 Schriftgröße: AAA

Nach Schleswig-Holstein-Wahl: Verräterischer Überschwang bei der FDP  

Am Tag nach dem Wahlerfolg in Schleswig-Holstein können liberale Spitzenpolitiker wieder lachen. Sogar Parteichef Philipp Rösler wirkt etwas entspannter. Denn so leicht, wie seine Gegner glauben machen, ist er nicht zu stürzen.
© Bild: 2012 Reuters/FABRIZIO BENSCH
Premium Am Tag nach dem Wahlerfolg in Schleswig-Holstein können liberale Spitzenpolitiker wieder lachen. Sogar Parteichef Philipp Rösler wirkt etwas entspannter. Denn so leicht, wie seine Gegner glauben machen, ist er nicht zu stürzen.
von Berlin

Überschwang ist gefährlich. Im Überschwang sagt man Dinge, die man gar nicht sagen will. Oder man macht Witze, die nicht lustig sind, weil sie eine bittere Wahrheit aussprechen. So wie Heiner Garg an diesem Montag.

Der Chef der Liberalen in Schleswig-Holstein steht mit Parteichef Philipp Rösler und Jürgen Koppelin auf der Bühne in der Berliner Parteizentrale und lobt nach dem Wahlerfolg im Norden alles und jeden in der FDP, dass sich die Balken biegen. So überschwänglich redet Garg, dass Koppelin ihm auf die Schulter klopft. Ja, sagt Garg, der Koppelin habe ihm jetzt nur auf die Schulter geklopft, aber bitte, er sei ihm nicht in den Rücken gefallen.

Garg und Koppelin finden das urkomisch. Rösler steht daneben und lacht ebenfalls. Er sieht dabei aber etwas erschrocken aus. Anderen Leuten in den Rücken zu fallen ist bei den Liberalen gerade großer Sport. Vor allem, wenn es Röslers Rücken ist.

Führende Liberale arbeiteten an seinem Sturz, heißt es auch an diesem Tag in Berlin. Rösler sei untragbar geworden, lautet die Begründung, gerade nach dem geschafften Erfolg in Schleswig-Holstein und dem absehbaren in Nordrhein-Westfalen. Die "Bild"-Zeitung berichtet, mächtige Strippenzieher hätten den Aufstieg von Fraktionschef Rainer Brüderle zum Parteichef beschlossen, sollte Rösler zurücktreten. Dazu passt, dass Gargs Spitzenkandidat Wolfgang Kubicki erst gar nicht nach Berlin gereist ist. Es ist einsam geworden um Rösler.

All dies wird natürlich dementiert. "Die ganze liberale Familie war im Einsatz", sagt etwa Brüderle und meint, der Erfolg im Norden sei auch ein Erfolg Röslers. Die ganze Debatte sei "aufgesetzt". Andere sekundieren, Rösler bleibe im Amt, die gesamte Partei stehe geschlossen hinter ihm.

Aber wie die Journalisten, so ahnt wohl auch Rösler oben auf der Bühne, was er auf diese Dementis geben kann: gar nichts. Obwohl seine Partei langsam Auftrieb bekommt, muss er um seinen Job kämpfen. Oder gerade deshalb. Fürs Erste begnügt sich Rösler damit, die Gerüchte als Hirngespinste abzutun. "Ich halte sie für substanzlos", sagt er. Und auf die Frage, ob er sich durch Kubickis Erfolg persönlich gestärkt fühle, sagt er: "Ja, ich sehe die ganze Partei stabilisiert."

Rückzugswille klingt anders. Rösler ist offenbar bereit, den Kampf aufzunehmen. Er will nicht weichen. Das ist eine schlechte Nachricht für alle, die bereits beim Parteitag vor zwei Wochen erkannt haben wollten, Rösler sei müde und werde bald aufgeben, egal, wie die Wahlen ausgehen. Sie haben sich getäuscht. Der FDP-Chef ist überzeugt, dass eine Partei nach zwei gewonnenen Wahlen unmöglich ihren Chef stürzen kann. Auch hat er, neben Brüderle, zwar viele Rivalen und Neider, aber es gibt keine überzeugende Alternative. Und vorerst keine Gelegenheit zum Sturz.

Hoffnungsträger Christian Lindner wird künftig wohl in Düsseldorf wirken. Zudem hat Lindner mehrfach zu verstehen gegeben, dass er inzwischen allzu junge Parteichefs für eine Fehlbesetzung hält. Das gilt für Rösler, aber umso mehr für ihn selbst. Noch fällt Lindner also aus. Entwicklungsminister Dirk Niebel hält sich zwar für geeignet, Rösler zu beerben. Aber er ist in der Partei wenig beliebt.

Bleibt Brüderle. Doch der will nicht stürzen, sondern gerufen werden. Solange sich keiner traut, für Brüderle zu putschen, kann sich Rösler seiner Ämter ziemlich sicher sein. Zumal die Parteispitze regulär erst 2013 wieder gewählt wird, wenige Monate vor der Bundestagswahl. Will man da den Parteichef auswechseln?

Und Rösler will aus der Wahl am Sonntag etwas gelernt haben. Kubicki habe Erfolg gehabt, weil er im Wahlkampf so "authentisch und kompetent" aufgetreten sei, sagt Rösler. In NRW habe die FDP mit Lindner einen ebenso "authentischen" Spitzenkandidaten, der für den Schuldenabbau eintrete. Solide Staatsfinanzen sei auch sein wichtigstes Thema, sagt Rösler. Im Januar habe er diesen Kurs vorgegeben. Daher könne er für diese Themen sehr authentisch auftreten. Authentizität soll der neue Markenkern von Röslers FDP werden.

Dass er Anfang des Jahres eher mit Wachstum in der Öffentlichkeit punkten wollte, erwähnt er erst auf Nachfrage. Es gehe um Schuldenabbau und Wachstum, sagt er. Doch damit bleiben Fragezeichen, ob gerade Rösler die Authentizität der FDP verkörpert.

Und auch die Geschlossenheit klingt für Philipp Rösler ziemlich gefährlich, wenn man genauer hinhört. "Wir haben gemeinsam an einem Strick gezogen", sagt etwa Birgit Homburger, die Chefin der Südwest-FDP, am Tag nach dem Erfolg von Kiel. Überschwang kann eben verräterisch sein.

  • Aus der FTD vom 08.05.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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