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Merken   Drucken   26.11.2010, 08:00 Schriftgröße: AAA

Nervöse Anleger: Wenn Politiker (ungewollt) Märkte bewegen

In Krisen reagieren Investoren besonders sensibel auf die Worte der Regierenden. Unbedachte Äußerungen können Währungen und Aktien auf Talfahrt schicken. Selbst erfahrenen Politikern fehlt manchmal das Gespür für die Märkte - hier einige Beispiele. von Kai Beller  Berlin
Mitte Januar schickt ein Gerücht über einen angeblichen bevorstehenden Rückritt Angela Merkels den Euro in Fernost auf Talfahrt. Ursache ist ein Artikel, in dem über den Holperstart der schwarz-gelben Regierung berichtet wird. Das Wort Rücktritt fällt nicht. Der Ausschlag an den Märkten ist nicht nachhaltig, trotzdem zeigt der Vorfall, wie empfindlich Anleger zum Teil auf solche Geschichten reagieren.
Politiker - aber manchmal auch Manager - gehen mitunter unvorsichtig mit Investoren um. Vor allem Kommunikationspannen führen zu ärgerlichen Folgen an den Finanzmärkten.
Als "Merkel-Crash" geht die Kommunikationspanne der Bundesregierung in Sachen Gläubigerhaftung in die Geschichte ein. Sie lancierte einen Plan, wonach private Gläubiger künftig bei Staatspleiten mithaften sollen. Details blieben Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU) zunächst schuldig. Viel zu spät stellten sie klar, dass die Haftung nur für neue Anleihen gelten soll, die ab dem Jahr 2013 ausgegeben werden.
Schaden war da aber schon angerichtet worden: Anleger hatten sich massenhaft von Anleihen der Euro-Schuldenstaaten getrennt. Hektisch schob die Regierung Details zu den Plänen nach, um den Verkaufsdruck zu schmälern. Das Vertrauen hat dennoch gelitten: Die Renditen für irische und portugiesische Anleihen stiegen auch wegen der missglückten Kommunikationsstrategie.
Merkel beschwört derweil im Bundestag das "Primat der Politik". Selbst EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso ist genervt von den ständigen Querschüssen aus Berlin. Er wünscht sich eine Politik der ruhigen Hand.
Regierungssprecher Seibert und die Deutsche Bank   Regierungssprecher Seibert und die Deutsche Bank
Schweigen ist manchmal besser, als Halbwissen zur Schau zu tragen. Regierungssprecher Steffen Seibert hätte am vergangenen Montag jedenfalls besser nichts gesagt, als sich so zu äußern: "Die Bundesregierung weiß, dass deutsche Banken, allen zuvorderst, glaube ich, die Deutsche Bank , in der irischen Schuldenproblematik erheblich belastet ist", sagte er.
Die wegen der irischen Bankenkrise ohnehin schon nervösen Aktienhändler reagierten prompt, ohne dass irgendjemand die Aussagen Seiberts überprüft hätte. Deutsche-Bank-Aktien wurden verkauft und auch andere Finanztitel gerieten in Mitleidenschaft.
Das größte deutsche Geldhaus bezeichnete die "öffentliche Mutmaßung als unverantwortlich" und die Regierung musste hektisch zurückrudern. Seibert schickte eilig eine Klarstellung herum. Das gesamte Risiko gegenüber dem Staat Irland und Banken der Insel habe Ende Oktober 2010 netto weniger als 400 Mio. Euro betragen, teilte er unter Berufung auf Angaben des Kreditinstituts mit. Die Bank sei "damit von den Schuldenproblemen Irlands nicht in herausgehobener Weise betroffen".
Tatort "Maybrit Illner": Deutsche-Bank-Chef Ackermann ...   Tatort "Maybrit Illner": Deutsche-Bank-Chef Ackermann verplappert sich
Es sind nicht nur Politiker, die sich verplappern: Die Worte Josef Ackermanns werden an den Finanzmärkten viel beachtet. Der Chef der Deutschen Bank weißt das eigentlich. Auf dem Höhepunkt der Griechenlandkrise Mitte Mai bewies er aber wenig Gespür, als er Millionen Fernsehzuschauern verkündete, er glaube nicht, dass die Hellenen ihre Schulden zurückzahlen könnten.
Am Tag nach der Ausstrahlung brach der Kurs der Gemeinschaftswährung ein. Da half es auch nichts, dass Ackermann den Euro als "fundamental stark" bezeichnete. Rund einen Monat nach diesem Vorfall, änderte Ackermann seine Meinung. Ein Gespräch mit Griechenlands Premierminister Georgos Papandreou überzeugte ihm vom Gegenteil. Dieses Mal gab es keine Marktausschläge.
Carl Heinz Daube   Carl Heinz Daube
Deutschlands oberster Schuldenmanager müsste schon von Berufs wegen wissen, was seine Worte für Gewicht an den Märkten haben. Carl Heinz Daube, Direktor der Bundesfinanzagentur und längst nicht so erfahren wie Merkel und Ackermann im Umgang mit Medien, plapperte vor laufenden Kameras auf einer Konferenz in London munter drauf los. Er sprach - noch vor dem Beschluss über die Griechenland-Hilfen - aus, was viele dachten: "Sollte eines der 16 Euro-Mitgliedsländer pleite gehen, würde das gesamte System zusammenbrechen. Das wäre das Ende für die Währungsunion." Obwohl er hinzufügte, solch ein Szenario sei unwahrscheinlich, ging an den Börsen kurzzeitig die Post ab.
Im nachfolgenden Interview mit Reuters präzisierte Daube die Aussage dahingehend, dass die Probleme einiger Mitgliedsländer der EU von den Regierungen zu lösen seien, nicht aber von ihren Schuldenagenturen. Ruhe brachte der Nachklapp nicht mehr in die Märkte, denn die Eilmeldungen von Reuters und Bloomberg über seine Mutmaßungen zum Ende der Euro-Zone waren da längst an den Terminals der Händler angelangt. Diese reagierten sofort und ließen den Euro fallen. Die Finanzagentur behauptete zunächst, die Aussagen seien so nicht gefallen. Da Reuters - ohnehin eine sehr zuverlässige Agentur - die Aussagen auf Video gebannt hatte, gab sich Daubes Haus geschlagen.
Finanzminister Steinbrück stolpert in die Euro-Falle   Finanzminister Steinbrück stolpert in die Euro-Falle
"Ich liebe einen starken Euro", sagte der damalige Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) im Juli 2007. Zu diesem Zeitpunkt ging die Angst vor einer zu starken Gemeinschaftswährung um. Der Euro eilte von Rekordstand zu Rekordstand. Ein zu hoher Kurs, so wurde befürchtet, werde die Exportchancen deutscher und europäischer Unternehmen schmälern.
Steinbrücks launige Bemerkung befeuerte den Aufwertungswettlauf noch. Der Finanzminister blieb gelassen. Er wies daraufhin, dass ein starker Euro den Ölpreisanstieg abfedere. Mit der Gemeinschaftswährung ging es weiter aufwärts bis auf den Höchststand von 1,5974 Dollar im Frühjahr 2008. Erst die Rezession beendete den Höhenflug. Seitdem lieben Politiker wieder einen starken Euro, nur sagt es niemand mehr offen.
Im September 2000 schwächelte der Euro bei einem Wechselkurs von unter 0,90 Dollar. Finanzminister und Notenbanker zeigten sich besorgt wegen des Kursverfalls. Und auch die Bürger fragten, ob die Gemeinschaftswährung der versprochene starke Ersatz für die D-Mark sein könne. Die EU-Kommission argumentierte, dass der Euro-Kurs nicht die wahre Stärke der europäischen Wirtschaft widerspiegle.
Altkanzler Schröder: Unsensibler Umgang mit Finanzmärkten   Altkanzler Schröder: Unsensibler Umgang mit Finanzmärkten
Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zeigte wenig Problembewusstsein. Er sehe in dem schwachen Euro keinen Anlass zur Sorge, verkündete er. Und seine Regierungssprecherin Charima Reinhardt - ohne Ahnung von den Kräften des Marktes - bekräftigte diese Auffassung ein paar Tage später noch einmal, was den Euro weiter schwächte. Das sollte wohl die Bevölkerung beruhigen, den Finanzmärkten stießen die Bemerkungen sauer auf.
Der Kursverfall setzte sich ungebremst fort: Als unmittelbare Reaktion auf Schröder fiel der Wert des Euro unter die Marke von 0,87 Dollar. Ökonomen kritisierten die mangelnde Sensibilität des Kanzlers gegenüber den Finanzmärkten. "Wenn ein so wichtiger Staatschef wie Schröder - und sei es auch unabsichtlich - den Eindruck vermittelt, die Reaktionsfähigkeit der Devisenmärkte zu ignorieren, sind Missverständnisse programmiert", urteilte Deutsche-Bank-Research. Sprecherin Reinhardt lernte damals, was sie später durchaus beherzigte: besser zu schweigen oder nur Floskeln auszusprechen, als den Kanzler quasi wörtlich zu wiederholen.
  • FTD.de, 26.11.2010
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