Eine Stunde haben die vier Kletterer in Mast 26 gebraucht, dann ist es soweit: Der Bolzen löst sich. Jetzt aufpassen. Langsam, ganz vorsichtig, gehalten von einer schweren Winde, schwebt ein Paar Hochspannungskabel hinab zu einem neuen Querträger. Die Männer hangeln sich hinterher und befestigen dort die 900 Kilo schweren Seile. Dann ist das nächste Paar Kabel an der Reihe. Acht bis zehn Stunden täglich geht das so - harte Arbeit, bei Sonne und bei Regen. "Schlechtes Wetter gibt es im Leitungsbau nicht", grinst Ronald Dahl, der die Bauarbeiten für den Netzbetreiber Amprion überwacht.
Die Männer schuften für die Energiewende. Sie schaffen Platz für einen zweiten 380-Kilovolt-Strang, eine Verdopplung der Leitungskapazität. Ohne ihre Arbeit wäre der Plan der Bundesregierung chancenlos, bis zur Mitte des Jahrhunderts die Stromerzeugung zu vier Fünfteln auf erneuerbare Energien umzustellen. Doch es sieht nicht gut aus. Der Netzausbau stockt. Dabei wird zunehmend klar, dass die deutsche Erfolgsstory des schnellen Aufbaus von Solar- und Windkraft ohne gute Netze zu einer Geschichte milliardenschwerer Fehlinvestitionen verkommen könnte - viel Ökostrom könnte die Verbraucher erst gar nicht erreichen.
Das neun Kilometer lange Leitungsstück, das Dahl und seine Leute derzeit bei Dortmund aufrüsten, ist ein kleiner Beitrag zu einem flächendeckenden Ausbau. Fachleute halten ihn für unverzichtbar - etwa, um Milliarden Megawattstunden aus künftigen Offshore-Windparks zu den Industriezentren im Süden zu leiten. Oder um die internationale Vernetzung zu stärken. Da Großkraftwerke nicht mehr wie früher einfach dorthin gesetzt werden können, wo die Großverbraucher sind, steigen die Transportentfernungen in der Energiewende generell.
Doch mit der Verstärkung des Hochspannungsnetzes hapert es. Die Bundesnetzagentur zog kürzlich eine deprimierende Bilanz: Von 1834 Kilometern Stromautobahn, deren Ausbau das sogenannte Energieleitungsausbaugesetz (Enlag) schon 2009 als besonders vordringlich eingestuft hat, sind derzeit gerade 214 Kilometer fertig. Nur zwei der 24 Projekte sind in Betrieb. Bis zum Jahresende kommen höchstens 35 Kilometer hinzu - wenn es gut geht. Denn oft blockieren Behörden sich gegenseitig, oder langwierige Gerichtsverfahren von Anwohnern verzögern die Fertigstellung. Folge: Schon jetzt stehen im hohen Norden häufig Windräder still, weil der Strom nicht abtransportiert werden kann. "Wir kämpfen gegen jede Kilowattstunde, die nicht ins Netz aufgenommen wird", sagte Schleswig-Holsteins grüner Energieminister Robert Habeck kürzlich. Und der Chef der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, fordert: "Der Ausbau des deutschen Hochspannungsnetzes muss dringend beschleunigt werden."
Bloß wie? Als Musterbeispiel für Verzögerungen gilt die "Thüringer Strombrücke", eine gut 170 Kilometer lange Strecke, die Windstrom nach Bayern bringen soll. Dort wird er spätestens gebraucht, wenn 2015 das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld vom Netz geht. Doch seit einigen Wochen steht fest, dass sich die für 2013 vorgesehene Inbetriebnahme der Stromautobahn um ein weiteres Jahr verzögert - "aufgrund der Komplexität der Verfahren", wie die Netzagentur beklagt. Dass einige Kommunen sich an den Kosten für Gerichtsverfahren gegen das Projekt beteiligen, trägt auch nicht gerade zur Vereinfachung bei.
Das 2011 verabschiedete Netzausbaubeschleunigungsgesetz soll nun Tempo machen. Anders sind die Aufgaben kaum zu bewältigen. Nach einem ersten Überblick der vier Netzbetreiber - neben Amprion die Firmen Tennet, 50Hertz und TransnetBW - müssen sie weitere 3800 Kilometer Hochspannungsmasten ins Gelände setzen. Damit das schneller geht, werden die üblichen Raumordnungsverfahren der Länder durch eine "Bundesfachplanung" mit vorgeschalteter Bürgerbeteiligung ersetzt - ein Verfahren, das manche Juristen wegen geringerer Anwohnerrechte kritisch sehen. Die Bewährungsprobe steht noch aus, denn bisher sind die konkreten Trassenverläufe, an denen sich Bürgerwiderstand entzünden könnte, noch nicht festgelegt.
Fest steht, dass der Netzumbau ein Kostentreiber der Energiewende wird. Rund 20 Mrd. Euro müssen allein in die Verstärkung der Hochspannungsleitungen fließen, weitere 15 Mrd. Euro in den Anschluss der Offshore-Windparks. Dazu kommt die Aufrüstung der Verteilnetze. Heute steckt in jeder Stromrechnung ein Beitrag von durchschnittlich 5,75 Cent je Kilowattstunde an Netzgebühren. Doch dabei wird es nicht bleiben.