Die SPD vernachlässige dabei oft das Recht auf Wahlfreiheit. "Uns geht es nicht um eine Entprivilegierung von denen, deren Kinder beispielsweise auf freie Schulen gehen, sondern um eine gezielte Privilegierung von denen, die drohen, abgehängt zu werden." Daran müsse auch Privilegierten etwas liegen.
Die Ausrufung eines Gerechtigkeitsjahres ist nicht ohne Risiken. Erst im Herbst hatten die Grünen ein Finanzpapier vorgelegt, nach dem der Spielraum für soziale Wohltaten angesichts der Schuldenbremse nach der Bundestagswahl 2013 extrem gering sein wird. Diese Woche wollen Partei und Fraktion auf separaten Klausurtagungen beraten, welche Konsequenzen diese "neue Ehrlichkeit" für manche lieb gewonnene grüne Forderung hat. Klar ist, dass die Parteilinke dabei Abstriche machen muss. Deren milliardenschwere Idee einer Kindergrundsicherung gehört zu den vordersten Streichkandidaten. Özdemir sagte dazu: "Wer allen alles verspricht, kann am Ende nichts halten. Wir werden alles auf den Prüfstand stellen, das gilt auch für unser Modell der Kindergrundsicherung."
Der neue Schwerpunkt Gerechtigkeit dürfte daher auch eine Geste an die Parteilinke sein, die zunehmend eine "Verbürgerlichung" der Ökopartei kritisiert. Das Projekt einer ökologischen Modernisierung der Wirtschaft - der Schwerpunkt der Parteirealos - solle nebenher weiterlaufen, so Özdemir: "Da geht es im Prinzip nicht mehr um die Neuentwicklung, sondern darum, dass wir Allianzen bilden - mit Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaften und Unternehmen."
Für die Legislaturperiode ab 2013 sieht selbst Realofrontmann Özdemir wenig Chancen für ein Bündnis mit der Union: "Realistischerweise ist es so, dass Rot und Grün mit Abstand die größte Schnittmenge haben." Dabei komme es besonders auf die Grünen an. "Wenn wir nicht 15 Prozent und mehr einfahren, dann wird es nicht reichen", sagte Özdemir.