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Merken   Drucken   25.10.2004, 17:35 Schriftgröße: AAA

Neues Deutschland: Rot-Grün verwandelt Zeitarbeit in attraktive Alternative

Deregulierung und Tarifverträge machen Zeitarbeit gesellschaftsfähig und verhelfen der Branche zu einem Aufschwung. Bei der Vermittlung zeichnet sich ein klarer Trend ab.
von Maike Rademaker, Berlin

Zeitarbeit? Das bedeutet niedrige Löhne und Ausbeuterei. Wer Mitarbeiter einer solchen Firma ist, schweigt lieber darüber. Unterste Stufe, damit muss man nicht auch noch angeben.

Diese Zeiten sind vorbei. Nicht nur, dass Zeitarbeitsfirmen durchaus begehrte Anlaufstellen nach dem Studium sind. Auch die Erfolgsmeldungen der Firmen nach drei Jahren sind zur Normalität geworden - keine Gewerkschaft prangert den vermeintlichen Zerfall der Sitten an. "Wir haben ein Umsatzplus von 18 bis 20 Prozent", sagte Thomas Reitz, Geschäftsführer von Manpower .

Reitz ist sehr optimistisch: Er geht in den nächsten fünf bis sechs Jahren gar von einer Verdoppelung des Marktes in Deutschland aus. Bisher lag der Marktanteil der Zeitarbeit bei unter einem Prozent, weit unter dem europäischen Durchschnitt von 2,5 Prozent. "Wir haben das Schmuddelimage verloren, bei Arbeitnehmern wie Arbeitgebern", sagte auch Volker Enkerts, Präsident des Bundesverbandes Zeitarbeit (BZA). Rund 270.000 Mitarbeiter verzeichnete die Branche 2003, für dieses Jahr wird mit besseren Zahlen gerechnet.

Schwierige Tarifverhandlungen

Die Ursache für den Optimismus der Branche heißt Rot-Grün. Im Zuge der Arbeitsmarktreformen gelobte die Regierung, die Zeitarbeit zu deregulieren, wenn im Gegenzug erstmals Tarifverträge mit den Gewerkschaften geschlossen würden. Wer keinen Tarifvertrag habe, hieß es trotz des sofortigen Aufheulens in der Branche, solle die Zeitarbeiter nach "Equal Pay" bezahlen: also so wie andere Mitarbeiter in Firmen. Das hätte für die Zeitarbeit das Aus bedeutet.

Die Verhandlungen im vergangenen Jahr waren entsprechend mühsam und begleitet von düsteren Voraussagen über den Markt. Jetzt gelten die Verträge mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und den christlichen Gewerkschaften seit einem Jahr. Die unterste Lohngruppe erhält nach dem DGB-Vertrag 6,85 Euro pro Stunde, die oberen über 15 Euro.

"Der Tarifzwang macht uns unglücklich", sagte Reitz zwar weiterhin. Aber er gibt zu, dass es eben diese Verträge waren, die Zeitarbeit attraktiver für Arbeitnehmer gemacht haben. Die durch die Tariflöhne ebenfalls gestiegenen Preise für die Firmen von fünf bis zehn Prozent seien "besser verkraftet worden als angenommen".

Gewerkschaft mit Einschränkungen zufrieden

Der DGB ist auch zufrieden - mit Einschränkungen. Mit der Deregulierung seien die Schutzvorschriften weggebrochen. "Und im Nachhinein fallen natürlich die Kindheitsfehler der Tarifverträge auf", sagte Christof Wachter, Tarifexperte beim DGB. So gebe es häufig keinen Ausgleich für Mehrarbeit. Aber unter dem Strich "hat sich der Tarifvertrag für die Arbeitnehmer bewährt". Allerdings bezweifelte Wachter, dass ein wichtiges Ziel der Reform erreicht werde: dass durch die Deregulierung tatsächlich Beschäftigung entsteht.

Die großen Firmen der Branche, Randstad,  Manpower, Adecco,  Deutscher Industrie Service (DIS),  haben in jedem Fall profitiert. Konnten vor der Reform Zeitarbeiter maximal 24 Monate "verliehen" werden, ist die Zeit jetzt unbegrenzt. Firmen nutzen das gerne für langjährige Großprojekte. Und: "Früher haben sich Unternehmen nicht an uns gewandt, wenn sie den Empfang besetzen wollten. An dieser sensiblen Stelle sollte das Personal nicht alle sechs Monate wechseln. Heute bekommen wir dazu Aufträge, weil die Verträge länger dauern", sagte Reitz.

Hoch spezialisierte Firmen wie der DIS profitieren davon in besonderem Maße: Der DIS zahlt die raren Fachkräfte ohnehin übertariflich, der Tarifvertrag ist zumindest bei der Lohnhöhe für das Unternehmen irrelevant. Mit der Deregulierung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes aber "ist es für uns einfacher, Fachkräfte anzubieten", sagte DIS-Sprecherin Sylvia Knecht. Im Osten der Republik haben die Tarifverträge allerdings auch nachteilige Wirkungen, gerade im Helferbereich. Das Lohnniveau ist hier ohnehin gering, der Druck durch osteuropäische Schwarzarbeit mit niedrigsten Löhnen hoch. "Was nützen gute Löhne, wenn wir keine Aufträge erhalten?", sagte BZA-Chef Enkerts.

Und auch die Zeitarbeitsfirmen der Arbeitsagenturen, die Personal-Service-Agenturen (PSA), sind weitgehend ein Flop. Kaum ein Langzeitarbeitsloser findet auf diesem Weg, entgegen besten Prognosen, einen Job - es fehlen Fachkräfte, nicht Helfer. Manpower, das einen Vertrag über 40 PSA hatte, fürchtet, dass die Agenturen deswegen die PSA in den nächsten Monaten sukzessive abbauen werden. Sechs Verträge wurden bereits gekündigt.

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