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Merken   Drucken   16.09.2012, 20:29 Schriftgröße: AAA

Neuordnung der Branche: Schmelze der Stahlindustrie führt zu Streit

Exklusiv Die europäische Stahlbranche ist in eine kritische Phase gerutscht: Vor allem in Südeuropa bricht die Nachfrage weg. Verbandspräsident Eder fordert von der EU Stilllegungspläne für Hütten - wogegen ThyssenKrupp und Salzgitter heftigen Widerstand leisten.

Die Überkapazitäten in der europäischen Stahlindustrie haben unter führenden Managern einen heftigen Streit ausgelöst. In einem brancheninternen Brief, der der FTD vorliegt, üben ThyssenKrupp -Stahlchef Edwin Eichler und Salzgitter -Chef Heinz Jörg Fuhrmann harsche Kritik an Wolfgang Eder, Präsident des europäischen Stahlverbands Eurofer, der zugleich Chef des österreichischen Konkurrenten Voestalpine ist. Es sei offenbar, dass es gegenwärtig innerhalb von Eurofer kein gemeinsames Verständnis zum Thema der Überkapazitäten gebe, heißt es in dem Schreiben. Dennoch habe Eder erneut und öffentlich darüber gesprochen und ein Restrukturierungsprogramm ins Spiel gebracht. Voestalpine wollte sich am Sonntag nicht dazu äußern.

Die Auseinandersetzung wirft ein Schlaglicht darauf, in welch kritischer Lage sich die Branche befindet. Die weggebrochene Nachfrage, insbesondere in Südeuropa, führt zu einem Überangebot an Stahl, zu sinkenden Preisen und schrumpfenden Margen der Hersteller.

Die Kritik der beiden führenden deutschen Stahlmanager entzündet sich an einem Interview, das Eder vor wenigen Tagen der Schweizer Zeitung "Finanz und Wirtschaft" gab. Darin fordert der Voestalpine-Chef einen EU-Plan für ein geordnetes Schrumpfen der kriselnden Stahlindustrie. Seine Forderung: Unter Führung der EU-Kommission müsse ein mittelfristiger Plan zur Anpassung der Stahlkapazitäten ausgearbeitet werden. Es müsse offen darüber gesprochen werden, welche Standorte nicht zu halten und zügig zu schließen wären. Die einzelnen Staaten müssten sich aus diesem Prozess weitgehend heraushalten. Notwendige Hilfen beim Arbeitsplatzabbau sollten aus Brüsseler Fördertöpfen kommen.

Wegen der flauen Nachfrage kämpft die Branche zurzeit mit hohen Überkapazitäten, die Eder in Europa auf 50 bis 60 Millionen Tonnen schätzt - im vierten Jahr in Folge. Das entspricht etwa jeder vierten Tonne Stahl. Wegen der Unterauslastung schreiben viele Stahlhersteller Verluste. "Die europäische Stahlindustrie ist im Survival-Modus", beschreibt ein Branchenexperte die Lage.

Anders als Eder bestreiten Eichler und Fuhrmann jedoch, dass es sich bei den überschüssigen Mengen tatsächlich um strukturelle, also von konjunkturellen Schwankungen unabhängige Überkapazitäten handelt. "Aus unserer Sicht bestehen in Europa keine pauschal zu behandelnden Kapazitätsüberhänge", heißt es in dem Brief. Es gebe daher keine Notwendigkeit für eine Neuordnung der Industrie unter der Federführung der EU-Kommission.

Auch bei anderen Konkurrenten wächst der Unmut über Eders Vorpreschen. Der Manager nutze seine Position als Verbandspräsident, um sich vor allem für seinen eigenen Konzern einzusetzen, lautet der Vorwurf eines hochrangigen Stahlmanagers. Wenn ein Hersteller in der Vergangenheit seine Produktionskapazitäten heruntergefahren habe, hätten Rivalen dies häufig dazu genutzt, eigene Marktanteile hinzuzugewinnen.

Nur in einem Punkt stimmen die beiden deutschen Stahlmanager Eichler und Fuhrmann ihrem Konkurrenten Eder zu: Soziale Schließungsbeihilfen, mit denen ein Belegschaftsabbau abgefedert werden könnte, seien zu begrüßen. Öffentliche Stilllegungsprämien oder Umstrukturierungsbeihilfen hingegen stünden nicht zur Debatte.

Doch Eichler und Fuhrmann führen auch taktische Gründe an, die gegen eine Debatte um die Neuordnung der Branche sprechen. Wichtige Verbandsthemen könnten dadurch ins Hintertreffen geraten, lautet ihre Sorge. "Die Behauptung einer Strukturkrise birgt die große Gefahr, dass die Notwendigkeit politischen Handelns auf anderen Feldern verdrängt wird", schreiben die Manager. Als Beispiele nennen sie die Energie- und Klimapolitik. Auch in der Handelspolitik könne "die Durchsetzung anderer wesentlicher Anliegen" belastet werden.

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  • Aus der FTD vom 17.09.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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