Was und wie denken Deutschlands Wirtschaftswissenschaftler? Alles über die exklusive Umfrage der FTD und des Vereins für Socialpolitik hier in dieser Serie.
Ökonomen-Umfrage Teil 2:Keine Mehrheit für Radikales
Wie würden Deutschlands Wirtschaftsgelehrte die Rente reformieren? Wie den Arbeitsmarkt und das Gesundheitssystem? Lesen Sie die Antwort in Teil 2 der Exklusiv-Befragung von FTD und dem Verein für Socialpolitik unter deutschen Ökonomen. von Thomas Fricke, Berlin
Bevorzugte Reformbaustellen
Das Land braucht Reformen. Die Frage ist nur, welche genau und wie viele. Darüber scheint es unter deutschen Ökonomen weniger Einigkeit zu geben, als es oft den Anschein hat. Darauf lässt die große Ökonomenumfrage schließen, die von der FTD und dem Verein für Socialpolitik in diesem Frühjahr durchgeführt wurde.
Unter den mehr als 500 Wirtschaftswissenschaftlern aus Theorie und Praxis, die in den vergangenen Wochen antworteten, gab es zwar nur wenige, die Reformen an Steuern, Arbeitsmarkt, Rente oder Gesundheitssystem für überflüssig erklärten. Ebenso wenige halten es aber für nötig, das Land deshalb auf den Kopf zu stellen. Bevorzugt werden moderate Reformen.
Über das Prinzip herrscht Konsens. Nicht einmal ein Prozent der Befragten hält weitere Steuerreformen in Deutschland für unnötig. Nur knapp zwölf Prozent fänden es ausreichend, wenn die Bundesregierung es bei mäßigen Korrekturen beließe. Im Gesundheitssystem liegt die Quote der Minimalreformer sogar bei weniger als sieben Prozent. Eine ebenso kleine Minderheit ist dagegen, das Renteneintrittsalter wie geplant auf 67 Jahre anzuheben; immerhin 40 Prozent fordern, das Tempo der Anhebung sogar noch zu erhöhen.
Keine klare Präferenz
Das Problem steckt im Wie. Zur Reform des Gesundheitswesens spricht sich zwar eine relativ klare Mehrheit von 50,6 Prozent dafür aus, eine Bürgerpauschale einzuführen. Wenn es um den Niedriglohnsektor oder die Steuern geht, liegen aber gleich mehrere, teils sehr unterschiedliche Rezepte in der Gunst eng beieinander. Zur Reform der Einkommensteuer plädiert eine relative Ökonomenmehrheit von (gerade) 31 Prozent für den Vorschlag des Sachverständigenrats, eine duale Einkommensteuer mit unterschiedlichen Sätzen für Kapital- und Arbeitseinkommen einzuführen - so wie es nordische Länder in Europa vorgemacht haben.
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Bilderserie: Ökonomen-Umfrage Teil 2
Das Rezept einer Flat Tax, wie es der ehemalige Verfassungsrichter Paul Kirchhof vorschlug, rangiert an zweiter Stelle - mit gerade 26,7 Prozent Anhängern unter den deutschen Ökonomen. Und erst an dritter Stelle folgt das Konzept der Stiftung Marktwirtschaft, das bei Regierung wie Steuerexperten bisher auf positive Resonanz stieß.
Nicht einmal jeder zehnte Wirtschaftsgelehrte hält es für nötig, dass in Deutschland das gesamte Lohnniveau spürbar sinkt. Unter den bevorzugten Rezepten für den Arbeitsmarkt rangiert die Einschränkung des Kündigungsschutzes an dritter und eine Verlängerung der Arbeitszeiten an fünfter Stelle. Auch das klingt eher moderat. Deutlich mehr Ökonomen halten es für wichtig, die Lohnnebenkosten im Land zu senken.
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Bilderserie: Ökonomen-Umfrage Teil 1
Gegen allzu orthodoxe Präferenzen sprechen auch die Antworten darauf, wie der Staat Schulden abbauen sollte. Von Verboten für Neuverschuldung, wie sie die FDP forderte, halten nur 11,5 Prozent der Befragten etwas. Kaum Anhänger findet auch die Strategie, jährlich Defizitziele zu fixieren - wie es die Europäer mit dem Stabilitätspakt seit Jahren vergeblich versuchen.
Besser fände es eine Mehrheit, wenn sich die Regierung mittelfristig an Ausgabenzielen orientierte. Und: Wenn es um Reformen geht, die zwar Geld kosten, aber künftige Wachstumspotenziale versprechen, können es sich fast 50 Prozent der deutschen Wirtschaftswissenschaftler sogar vorstellen, diese über öffentliche Kredite vorzufinanzieren.
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