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Merken   Drucken   14.05.2006, 18:15 Schriftgröße: AAA

Ökonomen-Umfrage Teil 3: Forschen jenseits der Aktualität

Für einen guten Ökonom ist es eher nebensächlich, die aktuelle Wirtschaftslage im Land gut zu kennen. Auch mathematische Fähigkeiten spielen laut vielen Experten eher eine untergeordnete Rolle. von Sebastian Dullien, Berlin
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Entscheidend seien statt dessen sehr gute Kenntnisse in einem einzelnen Fachgebiet. Das jedenfalls gab ein Großteil der deutschen Wirtschaftswissenschaftler an, als die Ökonomen dazu in den vergangenen beiden Monaten von der FTD in Zusammenarbeit mit dem traditionsreichen Verein für Socialpolitik befragt wurden.
Besonders überraschend wirkt dabei, dass nur ein Viertel der Befragten glaubt, dass Mathematik "sehr wichtig" für einen guten Ökonomen sei. Immerhin haben mathematische Methoden in wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen und Fachbüchern derart an Gewicht gewonnen, dass sogar der Nobelpreisträger Milton Friedman einmal kritisierte, Ökonomie sei "zu einem obskuren Zweig der Mathematik verkommen". In vielen internationalen Fachzeitschriften ist ohne Zahlenmodelle heute kein Artikel mehr zu veröffentlichen.
Ebenfalls verwunderlich ist, dass zwar nicht einmal jeder zweite der insgesamt 551 befragten deutschen Ökonomen angibt, dass Kenntnisse über die aktuelle Wirtschaftsentwicklung sehr wichtig sind, immerhin 73 Prozent aber trotzdem einen Job in der Politikberatung annehmen würden. Und: In ihrer bisherigen täglichen Arbeit verfolgt dabei wiederum nur eine Minderheit dieses Ziel. Lediglich 40 Prozent gaben an, mit der eigenen Forschung in erster Linie auf Politikberatung abzuzielen. Ein Drittel beschreibt die eigene Arbeit dagegen als "Grundlagenforschung" - mit eher geringem empirischem, stark theoretisch orientiertem Gehalt.
Bilderserie Bilderserie: Ökonomen-Umfrage Teil 3
Ziemlich gespalten In ihrer ideologischen Ausrichtung ist die Ökonomenschaft dabei ziemlich gespalten. Keine der großen Theorierichtungen erreicht eine absolute Mehrheit unter den deutschen Experten - dazu passt, dass rund 42 Prozent selbst angeben, die Volkswirte seien sich nicht einmal in grundlegenden Fragen wirklich einig.
Die größte Anhängerschaft mit 42 Prozent hat die neoklassische Theorie, bei der die Welt aus dem rationalen Kalkül der Individuen unter Annahme perfekt funktionierender Märkte erklärt wird. Mit rund 40 Prozent eine fast ebenso große Gefolgschaft hat die "Public Choice"-Theorie, die politische Entscheidungen aus dem Nutzenkalkül der Politiker heraus erklärt. Daraus wird zum Beispiel dann die Vermutung abgeleitet, eine Rentenkürzung sei in einer alternden Gesellschaft nicht möglich, weil eine Mehrheit der Wähler betroffen wäre und deshalb gegen einen solchen Schritt stimmen würde.
Bilderserie Bilderserie: Ökonomen-Umfrage Teil 2
Erstaunlich ist, wie wenige deutsche Ökonomen sich auf die ordo-liberale Schule berufen, wo doch die "deutsche Ordnungspolitik" in der Öffentlichkeit oft zitiert wird. Nur ein knappes Viertel der Volkswirte bekennt sich zu den Ideen des Freiburgers Walter Eucken und seinen Schülern - und damit zur These, dass der Staat die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft setzen, in den tatsächlichen Wirtschaftsablauf aber nicht mehr eingreifen soll. Keynesianismus hat vergleichsweise wenig Anhänger Auch der Keynesianismus hat unter deutschen Ökonomen relativ wenig Anhänger. Gerade einmal 14,3 Prozent geben an, den Lehren des Briten zu folgen - obwohl immerhin 85 Prozent sagen, dass John Maynard Keynes für die moderne Volkswirtschaft wichtig ist. In den USA und anderen Ländern haben Keynesianer in den vergangenen Jahren wieder starken Zulauf bekommen. "Wir sind heute immer noch alle Keynesianer", schreibt der Harvard-Ökonom und Lehrbuchautor Olivier Blanchard.
Bilderserie Bilderserie: Ökonomen-Umfrage Teil 1
Ganz ohne Selbstzweifel sind die deutschen Ökonomen ohnehin nicht. Zwar sind 31 Prozent der Befragten überzeugt, dass die neoklassische Theorie wichtig ist, um wirtschaftspolitische Probleme zu lösen; 50 Prozent bestätigen diese These aber nur mit Einschränkungen, 17 Prozent lehnen sie völlig ab.
Vorbehalte gibt es selbst gegen die Annahme des rationalen Homo oeconomicus, wie sie ebenfalls die Neoklassiker machen. Gegen den Vorwurf, das Bild vom rational handelnden Menschen sei "unbrauchbar", brachten nur 32 Prozent der Volkswirte starke Einwände vor. Der Rest räumt zumindest gewisse Probleme mit dem Gedankenmodell ein. Mehr als ein Drittel hält das Konzept sogar für eher ungeeignet.
Diskutieren Sie mit uns über die Ergebnisse der Umfrage in unserem Weblog Ökonomen-Welten unter:
  • Aus der FTD vom 15.05.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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